Britische Forscher vermuten: Neandertaler fiel Klima zum Opfer

28. Jänner 2004, 14:00
30 Postings

Auch der frühe Homo sapiens wurde in der Eiszeit ausgerottet

London/Wien - "Möglicherweise muss unsere frühe Geschichte umgeschrieben werden", vermutete vor einer Woche der Wiener Anthropologe Host Seidler nach ersten Analysen von 50.000 Jahre alten Neandertaler-Fundstücken aus Usbekistan. Diese belegten nämlich, dass Neandertaler dem Homo sapiens in puncto Kunstfertigkeit kaum nachstanden. Die brennende Frage also: Hat der Homo sapiens Fertigkeiten und Kultur seines Verwandten übernommen und weiterentwickelt?

Wahrscheinlich nicht, berichtet jetzt ein 30-köpfiges Forscherteam von der Universität Cambridge im britischen "New Scientist" - wenngleich die Geschichte dennoch umzuschreiben sein dürfte: Bisherige Theorien gingen nämlich davon aus, dass Neandertaler vom technologisch überlegenen Homo sapiens verdrängt oder ausgerottet worden seien. Was nicht stimme, denn beide seien zunächst Opfer des Klimawandels geworden, behaupten die Briten.

Wie auch die ersten modernen Menschen Europas hätten sich die Neandertaler während der Eiszeit vor 30.000 Jahren vor den Gletschern nach Süden zurückgezogen, wo beide Gruppen im Wettbewerb um immer knappere Nahrung ausgestorben seien. Eine völlig neue Gruppe des Homo sapiens sei schließlich vor etwa 30.000 Jahren zunächst in Osteuropa aufgetaucht und habe dank verbesserter Jagdwaffen und wärmerer Kleidung von dort aus den Kontinent bevölkert, meint das Forscherteam.

Die Wanderbewegung der Neandertaler und der Aurignacien-Menschen nach Süden, in einige wenige Fluchträume in Südwestfrankreich und an die Schwarzmeerküste, stimme genau mit dem Vordringen der Eisdecke in Europa überein. Als beide aufgrund von Nahrungsknappheit ausgestorben waren, sei der Weg für den fortschrittlicheren modernen Menschen der so genannten Gravettien-Kultur frei geworden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 1. 2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.