Weder Kitsch noch Pornographie

22. Jänner 2004, 07:00
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Filmemacherin Gerda Klingenböck im dieStandard.at- Interview: "'Vom Leben und Überleben' soll die Lücke des Zuhörens füllen"

dieStandard.at: In ihrem Film kommen sechs Überlebende des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück zu Wort. Wie haben sie die Auswahl getroffen?

Gerda Klingenböck: Wir wollten eine möglichst breite Fächerung von Gründen zeigen, warum Frauen in jener Zeit Opfer des Nationalsozialismus wurden. Das waren eben nicht nur Widerstandskämpferinnen: Frauen wurden aus vielerlei Gründen und nach Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion mit einiger Willkür deportiert. Wir wollten nach Möglichkeit auch wenig erinnerte Opfergruppen zeigen, wie die ZeugInnen Jehovas oder die ebenfalls rassistisch verfolgten und sehr grausam behandelten Sinti und Roma. Die nationalsozialistische Verhaftungskategorie der sogenannten "Assozialen" betraf mitunter halt auch Frauen und Mädchen, die mit dem unmenschlichen nationalsozialistischem Regelsystem in Konflikt kamen.

Die Leiden der Kärntner SlowenInnen nach dem Anschluss werden bis heute nicht von der österreichischen Gesellschaft wahrgenommen, eher im Gegenteil. Diese Gruppen hatten es nach dem Krieg besonders schwer, denn die Diskriminierung ist nach wie vor, so wie der Antisemitismus, vorhanden.

dieStandard.at: Wie haben sie die Frauen gefunden?

Gerda Klingenböck: Gefunden hat hier zweierlei Bedeutung: Die Wissenschafterinnen recherchierten für die umfassende Dokumentation mittels der Lagergemeinschaft in Archiven und riefen in den Medien (z.B. "Willkommen Österreich") dazu auf, dass sich Frauen melden sollten, die in Ravensbrück waren. Dem geht aber voraus, dass Frauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück schon viel früher auf uns zugekommen sind. Schließlich entstand dieses Projektnetzwerk von Wissenschafterinnen und Filmemacherinnen: Die Soziologinnen Helga Amesberger und Brigitte Halbmayer reichten eine Studie ein, wir, ein Team von vier Filmemacherinnen - Bernadette Dewald, Gundula Daxecker, Tina Leisch und ich - beschlossen ein Video-Archiv und eine Ausstellung ("Wege nach Ravensbrück", Anm.) wurde ebenfalls gemacht.

dieStandard.at: Der Film wurde ja bereits 2001 in den Kinos gezeigt. Was haben sie seither daran verändert?

Gerda Klingenböck: Die Basis des Films sind Archivaufnahmen mit einem wissenschaftlichen Zweck, das heißt, die Aufnahmen wurden nicht für einen Dokumentarfilm gemacht. Im wesentlichen haben wir ihn formal ausgebessert, d.h. störende Bild- und Tonelemente korrigiert usw. Bernadette Dewald und ich mussten außerdem so viele Interviews sichten, dass wir begannen, an Betriebsblindheit zu leiden. Für eine bessere Dramaturgie des Films haben wir uns schließlich eine Supervisorin gesucht, Eva Brunner-Sabo, und Gundula Daxecker hat den Film nochmals geschnitten.

dieStandard.at: Haben sie für sich ein Label für den Film gefunden?

Gerda Klingenböck: Das ist schwierig für mich, weil ich durch die anhaltende Arbeit am Film die Distanz vollkommen verloren habe. Aber mir ist natürlich klar, dass "Vom Leben und Überleben" sehr schwer genre-mäßig einzuordnen ist. Wir vergleichen uns gerne mit dem Film "Traudl Junge" von André Heller und Othmar Schmiderer, der auch so eine Hybrid-Form darstellt. Die Erinnerung ist der Film. Das ist für mich eine neuere Art, Erinnerung zu repräsentieren. Jedenfalls war es eine bewusste Entscheidung, den Film aus den Archivaufnahmen zu machen und ihn so 'essentialistisch' zu belassen. Das hängt eben sehr mit dem Thema zusammen. Adorno sagte beispielsweise, dass es schwierig wird, nach Auschwitz Gedichte zu machen, aber er meinte auch, dass dieser Satz wieder von der Erkenntnis gefressen wird. Unsere puristische Ästhetik ist jedenfalls nicht allgemein gültig, nur für uns war sie die einzig mögliche. Wir wollten die Erinnerungen der Frauen sehen und ihre Gesichter und nicht ihre Jugendfotos.

dieStandard.at: Hat der Film ähnlich wie die Ausstellung einen Auftrag?

Gerda Klingenböck: Tja, wir handelten vom Konzept her wirklich wie in einer Art 'Mission'. Dadurch, dass diese Appelle an uns herangetragen wurden, wurde uns schnell klar, dass wir mit dem Film die Lücke des 'Zuhörens' füllen wollten. Es ist ja bekannt, dass mit den Erlebnissen im Nationalsozialismus die orale Erinnerungskultur in vielen Familien abgebrochen wurde, d.h. Opfer und TäterInnen schwiegen über die Ereignisse. Durch das langsame Wegscheiden dieser Generation entstand in letzter Zeit zunehmend das Bedürfnis, diesen Menschen noch einmal zuzuhören, etwa zu erfahren. Wir wollten mit dem Film einerseits diese Möglichkeit des 'Zuhörens' schaffen und andererseits die Geschichte von einem anderen Blickwinkel erzählen. Die Erfahrung zeigt, dass die Leute durch den Film wirklich etwas erfahren, was sie vorher 'noch nicht wussten'. Der Historiker Gerhard Botz hat einmal gemeint, es gäbe so etwas wie das 'andere Österreich', deren Erinnerungskultur nicht so sehr zur Sprache gekommen ist. Diesen 'Anderen' wollten wir eine Stimme geben.

dieStandard.at: Was kritisieren Sie an der gängigen Darstellungsweise des Nationalsozialismus?

Gerda Klingenböck: Wie so viele kritisiere ich die Fernsehformate über den Nationalsozialismus, weil sie ZeitzeugInnen oft nur als Illustration von historischen Fakten heranziehen. Oft ist die Herangehensweise auch nur reißerisch und kitschig. Die Kreation von Idealisierungen und Heldenmythen wollten wir nicht forcieren. Die Autorin Ruth Klüger spricht auch von den zwei großen Vermeidungsstrategien, Kitsch und Pornographie, die verhindern, dass wir bei den Schrecken des Nationalsozialismus genau hinschauen müssen. Weder das eine noch das andere hat uns interessiert.

dieStandard.at: Wie ging es ihnen persönlich bei der Arbeit?

Gerda Klingenböck: Ich muss sagen, die Arbeit hat uns alle sehr mitgenommen und sie forderte wirklich auch eine gewisse Stärke. Wir haben wirklich in Abgründe geblickt, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt. Was wir uns aber auch gedacht haben: Wenn diese Leute den Mut hatten, zu überleben, dann können wir auch hingehen, und schauen, was da passiert ist. Ich persönlich habe durch den Kontakt mit den Frauen gelernt, meine eigene Familiengeschichte besser einzuordnen.

dieStandard.at: Die Interviews basieren auf der wissenschaftlichen Methode der oral history. Steht diese nicht auch in einer feministischen Tradition?

Gerda Klingenböck: Ich würde sie ebenfalls als eine Methode des Empowerments sehen, die von verschiedensten Gruppen genutzt wurde und wird. Dass die individuelle Geschichte wichtig ist, hat eben auch mit einem politischen Anliegen zu tun, aber nicht nur. Tatsächlich haben auch sehr viele Frauen mit dieser Methode gearbeitet.

Die goldene Epoche der oral history war in den 80er-Jahren. Nachher wurde die Methode von den HistorikerInnen eher abgelehnt und von anderen Richtungen aufgenommen, wie zum Beispiel der Ethno-Psychoanalyse, oder der Soziologie. Historisch lässt sie sich als Teil der Mikro-Geschichte einordnen, von der die HistorikerInnen meinen, dass sie die 'große Geschichte' portraitiert und repräsentiert. Tatsächlich ist es so, dass wir über vieles aus dem Kosmos der Konzentrationslager und der Verfolgung nur über die Zeitzeuginnen erfahren konnten, denn viele Spuren wurden von den Nazis sofort vernichtet.

Nachdem so viel Erinnerungsarbeit versäumt wurde, entsteht in dieser dramatischen Schwelle des Wegsterbens der ZeitzeugInnen auch ein Kampf um Erinnerung. Oral history hilft das offizielle Geschichtsbild, in dem Frauen wenig Eingang gefunden haben, zu korrigieren.

dieStandard.at: Sind noch weitere Arbeiten mit dem Material geplant?

Gerda Klingenböck: Das Video-Archiv ist ein großer Schatz, der für viele Forschungsfragen nützlich sein kann und ich hoffe, dass es in einer Institution für Forschung und Vermittlung Platz findet. Dazu braucht es allerdings einen professionellen Umgang mit audiovisuellen digitalen Quellen. Aktuell arbeiten die Wissenschaftlerinnen des Projektsnetzwerkes zu sexualisierter Gewalt gegen Frauen im Nationalsozialismus.

Es scheint mir auch noch wichtig zu erwähnen, dass es für die Schilderung sexualisierter Gewalt, wie sie in die Interviews einfloss, auch einer gesellschaftlichen Entwicklung bedurfte. Vor 20 Jahren hätten diese Frauen sicher nicht über diesbezügliche Erfahrungen gesprochen. Die Gesellschaft erlaubt Frauen ja erst seit kurzem, sich an solche Dinge zu erinnern, sie als wesentlich zu erachten.

dieStandard.at dankt für das Gespräch!

Das Gespräch führte Ina Freudenschuß

Der Film "Vom Leben und Überleben" ist in Wien im Filmcasino zu sehen.

Filmcasino
Margaretenstraße 78
1050 Wien

Von 30.1.-5.2.2004 wird der Film im Linzer Moviemento gezeigt, auch der Cinematograph in Innsbruck wird den Film im Februar eine Woche zeigen

"Vom Leben und Überleben"
von Bernadette Dewald, Gerda Klingenböck / VideoArchiv Ravensbrück (A 2003, Video, 110 min.)

  • Gerda Klingenböck: "Wenn die Frauen den Mut hatten, Ravensbrück zu überleben, dann können wir auch genau hinschauen, was dort passiert ist."
    foto: diestandard.at
    Gerda Klingenböck: "Wenn die Frauen den Mut hatten, Ravensbrück zu überleben, dann können wir auch genau hinschauen, was dort passiert ist."
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    flyer: vom leben und überleben
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