Das große Aufräumen in der Estag

22. Jänner 2004, 19:27
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In der Estag müssen nach dem Rausschmiss des Vorstands nun die Scherben gekittet werden

Graz – Es ist noch nicht lange her, als sich Gerhard Hirschmann in einem Gespräch mit dem Standard als Prophet versuchte. Es werde eine "Riesenüberraschung" geben, "da werden einige noch schauen", wenn das Ergebnis der aktienrechtlichen Sonderprüfung vorliege, blickte er ahnend in die Zukunft. Tatsächlich brachte die Sonderprüfung der Energie Steiermark (Estag), eine "Riesenüberraschung", jedoch eine, mit der Nicht-mehr-Estag-Vorstand Gerhard Hirschmann kaum gerechnet haben dürfte: Hirschmann wurde wie auch seine Vorstandskollegen Werner Heinzl und Hubert Jeneral mit sofortiger Wirkung suspendiert. Das Vorstandstrio sei nicht mehr handlungsfähig, befand der Aufsichtsrat mehrheitlich.

Die aktienrechtlichen Sonderprüfer von Ernst & Young waren nach monatelangen Recherchen zu einem vernichtenden Urteil gekommen. Es habe unterm Strich in der Estag kein beschlossenes strategisches Konzernkonzept gegeben, wird im Sonderbericht eine managementpolitische Bankrotterklärung diagnostiziert. Zum einen habe dieses Prüfergebnis zum Handeln gezwungen, zum anderen seien es "eigene Beobachtungen" über interne Streitereien des Vorstandes gewesen, die den Radikalschnitt notwendig gemacht hätten, sagte der AR-Präsident und nunmehrige Interimsvorstand Johannes Ditz.

"Spielregeln und Rechtsvorschriften"

Auch der Eigentümervertreter des Landes Steiermark, Herbert Paierl, rechtfertigte am Mittwoch die Suspendierung des Gesamtvorstandes. Paierl: "Es gibt Spielregeln und Rechtsvorschriften, die zu befolgen sind, sonst gibt es Chaos. Es war für mich nicht angenehm, dass der gesamte Vorstand abberufen wurde, aber wenn es notwendig ist ... "

Landeshauptfrau Waltraud Klasnic ergänzte, der neue Aufsichtsrat habe "eigenverantwortlich entschieden". SPÖ-Rechnungshofsprecher Günther Kräuter und Grünen-Wirtschaftssprecher Werner Kogler verlangten dennoch auch politische Konsequenzen und Paierls Rücktritt.

Ungereimtheiten

Dass es im Konzern Ungereimtheiten und mögliches Fehlverhalten des Vorstandes gab, darauf hatte der nunmehr ebenfalls suspendierte Vorstand und ehemalige ÖVP- Politiker Gerhard Hirschmann seit dem Frühsommer 2003 hingewiesen. "Aber mit falschen Mitteln und in falscher Form", sagt nun Johannes Ditz, der mit dem ehemaligen SPÖ-Vorsitzenden Peter Schachner-Blazizek bis Ende Juni das Unternehmen führen wird.

Denn während Hirschmann angebliche Protzereien in der Konzernzentrale monierte, lagen die tatsächlichen und schwer wiegenden Fehler laut Bericht ganz woanders. Im Kerngeschäft. Etwa bei der Akquisition des Energiebereiches der Grazer Stadtwerke, der Energie Graz GesmbH, wo völlig überhöhte Preise gezahlt worden seien, in Donawitz, wo ein 39 Mio. Euro schwerer Schaden aufgrund einer Fehlkalkulation entstanden ist und noch ein Nachspiel haben wird. Hier liegt laut Prüfbericht zweifelsfrei "ein Fehlverhalten der Organe" vor.

"Schwachstellen" orten die Prüfer von Ernst & Young auch beim Ankauf verschiedener kleiner regionaler Netzbetreiber, die zum Teil im Besitz von ehemaligen VP-Politiker waren. Auch wurde immer wieder am Aufsichtsrat vorbeiagiert. (Walter Müller, Der Standard, Printausgabe, 22.01.2004)

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    ESTAG-Vorstaende Werner Heinzl (L.) und Hubert Jeneral wurden suspendiert

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