Weiblich, alt, benachteiligt

25. Jänner 2004, 17:44
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Im hohen Alter sind Frauen unter sich - Die sogenannte "Feminisierung des Alters" bedeutet jedoch Armut, Isolation und ein negatives Image

Die Alten kommen! Wie alle anderen Industrieländer auch befindet sich Österreich seit Jahrzehnten in einer Phase des demographischen Wandels von einer jungen zu einer alten bzw. "überalteten" Gesellschaft. Bereits ein Fünftel der rund acht Millionen ÖsterreicherInnen ist derzeit (Zahlen von November 2003) über sechzig Jahre alt; dieser Anteil wird im Jahr 2030 auf ein Drittel, so die Prognosen, ansteigen. Rund 400 Personen in Österreich sind über hundert Jahre alt, 85 Prozent davon sind weiblich.

Je älter die Frauen, desto weniger Männer

Aber nicht nur in sehr hohem Alter sind die Frauen in der Mehrheit. Bereits ab sechzig - bis zu diesem Alter überwiegen in jeder Altersgruppe die Männer - kommen auf hundert Frauen nur sechsundsechzig Männer. Bei Personen über 75 beträgt das Geschlechterverhältnis bereits hundert Frauen zu 44 Männer. Und in der Altersgruppe der über 85-Jährigen gibt es dreimal soviele Frauen als Männer. Ursachen für diese Unausgewogenheit liegen zum einen in der kürzeren Lebenserwartung von Männern und zum anderen sind es Folgen des Zweiten Weltkriegs. Die durchschnittliche Lebenserwartung, die sich seit 1950 bei Frauen um 13,4 Jahre und bei Männern um 13 Jahre erhöht hat, liegt derzeit für die weibliche Bevölkerung bei 81,2 Jahren und für die männliche bei 75,4 Jahren.

(Alters-)Armut ist weiblich

Diese sogenannte "Feminisierung des Alters" zieht jedoch eine Reihe von Problemen nach sich. Denn Altwerden bedeutet heute vor allem Isolation, Ausgrenzung, Statusverlust und manchmal sogar Entmündigung. Frausein gekoppelt mit Altsein heißt jedoch darüber hinaus eine Verstärkung der Benachteiligung.

Zwei Drittel der Frauen über 75 leben alleine; ab einem Alter von 80 sind 79 Prozent verwitwet. Ebenso sind zwei Drittel der pflegebedürftigen Alten Frauen, in den Alten- und Pflegeheimen sind Frauen zu 80 Prozent vertreten. Neben Vereinsamung und Isolation, einem, Gefühl des "Abgeschoben- und Wertlosseins" haben alte uns ältere Frauen vor allem mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

16 Prozent aller Frauen ab 60 Jahren beziehen laut Armutskonferenz (Dezember 2003) weder eine eigene noch eine Witwenpension. Dazu kommt, dass die durchschnittliche Eigenpension von Frauen weit weniger als die Hälfte der Männerpension ausmacht. Nur sogenannte "Doppelrentnerinnen" (mit eigener und Witwenpension) kommen auf das durchschnittliche Einkommen eines alleinlebenden Pensionisten. Daraus ergibt sich, dass etwa drei Viertel der Sozialhilfe-EmpfängerInnen über 60 Jahre weiblich und viele auf die Unterstützung durch Angehörige angewiesen sind; Männer sind das nur zu einem Prozent. Daraus wiederum resultieren eingeschränkte Möglichkeiten der Lebensgestaltung wie Ausflüge, Reisen, Kultur, Fortbildung etc., die die den Kreislauf zur Isolation voran treiben.

Bilder der älteren und alten Frau

Ein maßgeblicher Faktor bildet auch das öffentliche Bild der alten Frau, das sich zumeist durch ein negatives Image auszeichnet. In den Medien, im Film, in der Literatur, in Märchen und Sagen ist ein nicht gerade schmeichelhaftes und vor allem unrealistisches Bild von der älteren und alten Frau vorherrschend. Gerade in herkömmlichen, patriarchal überformten Märchen tritt die Alte sozusagen als "Sozial-Leiche" in Erscheinung: als Xanthippe, bösartig und männerhassend, als Hexe abgesondert im Wald lebend, durch Heimtücke, Hässlichkeit und Wertlosigkeit gebrandmarkt.

In Lesebüchern wiederum wird sie gebrechlich und hilflos dargestellt, in Film und Fernsehen ist sie entweder die gepflegte, kosmetikbewusste, strahlende Oma, die ihren Enkelkindern Märchen erzählt und sie mit Süßigkeiten (die garantiert irgend welche gesunde Inhaltsstoffe aufweisen) vollstopft. Oder aber sie ist die Arme im Altenheim, von den Kindern abgeschoben, einsam und verlassen. In der Reklame wird sie von Medikamenten abhängig gezeigt, für Zahnprothesen und deren Reinigung werbend oder als Frau Putzteufel für das blitzblanke Zuhause. Abgesehen von einigen guten Reportagen und Dokumentationen ist die normale ältere Frau so gut wie unsichtbar.

Empty Nest Syndrom

Die sich derzeit wieder im Aufwind befindende Überbewertung der traditionellen Mutterrolle trägt erstens dazu bei, nur Frauen bis etwa 50 als vollgültige Menschen anzuerkennen und hinterlässt zweitens bei vielen Frauen dramatische Spuren. Besonders jene, die keinen eigenen Beruf oder eine leidenschaftliche Beschäftigung hatten/haben, fallen nach dem Weggang der Kinder oft in eine Leere, noch dazu wenn der Ehemann stirbt. Glücklicherweise gibt es auch die Gruppe derjenigen, welche die neue Freiheit genießt, die sich sozial oder politisch engagiert, künstlerischen Neigungen nachgeht, sich weiterbildet, Sprachen lernt etc., sofern es Geldbeutel und Gesundheit erlauben.

Ohne Prestige mit Todesängsten

Für viele Alte ist das Ende, der Tod beängstigend, was vielleicht auch daran liegt, dass es eines der größten Tabus ist. Wie PsychologInnen berichten, besteht die einzige Lösung dafür, sich mit Altsein und Sterben zu beschäftigen, den Tod zu enttabuisieren. Im Gespräch mit Gleichgesinnten, aber auch Jüngeren und Älteren würden die Ängste verblassen bzw. sich lösen. Zur Unterstützung bieten sich auch Selbsthilfegruppen und Organisationen an, die sich dieses Themas angenommen haben. Ein Dilemma bleibt jedoch in unserer Gesellschaft des Jugendkultes aufrecht: Obwohl die alte Generation als KonsumentInnen immer gefragter wird, nimmt ihr soziales Prestige parallel ihres steigenden Alters ab, ganz besonders dann, wenn es Frauen sind. (dabu)

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    Ab 60 sind Österreichs Frauen in der Mehrheit. Ihre Möglichkeiten der Lebensgestaltung jedoch beschränkt.
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