Fremd zog er wieder aus...

29. Jänner 2004, 19:51
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Kresniks "Die Zehn Gebote" in Bremen lieferte eine teils bilderstarke Auseinandersetzung mit der christlichen Moral - Der Skandal blieb aus

Uraufführung von Johann Kresniks "Die Zehn Gebote" in Bremen: Was in der Probenphase wegen Nacktszenen für Proteste gesorgt hatte, entpuppt sich - statt im Bremer Dom nun in der Friedenskirche - als teils bilderstarke Auseinandersetzung mit der christlichen Moral. Der große Skandal blieb aus.


Bremen - Mitten in der Wohnbeschaulichkeit Bremens fahren Donnerstagabend mehrere Polizeiwagen auf. Es soll im Vorfeld sogar Morddrohungen gegeben haben. Aber am Ende war alles halb so schlimm. Nicht mal ein halbes Dutzend "Demonstranten" war eben einfach dagegen und konnte das auch gebetsmühlenartig in die viele Mikros sagen. Denn wenigstens die Medien waren vor Ort und hatten Johann Kresniks neuestem Werk eine Aufmerksamkeit verschafft wie schon lange nicht mehr.

Als Aufführungsort hatte der Bremer Theaterintendant Klaus Pierwoß eigentlich den Dom vorgesehen. Doch dank empörter Gemeindemitglieder, der Landesbischöfin und Bild reichte die hanseatische Toleranz dafür am Ende nicht. Und so war es die kleinere Friedenskirche in der Humboldtstraße, die den sozusagen authentischen Raum für diese Auseinandersetzung mit den "Zehn Geboten" bereitstellte (nachfragebedingt immerhin für 26 Vorstellungen!).

Das Kirchengestühl wurde beiseite geräumt, der Altar überbaut, die Musiker auf der Orgelempore platziert und der Raum für große, fahrbare Podien geöffnet. Die werden zur Tribüne für lebende Gruppenbilder. Oder für eine Autokarosse, auf die mit dem Vorschlaghammer eingedroschen und deren Lack mit Gabeln zerkratzt wird, und für Küchenherde zum Fleischgrillen. Und dann auch für die Singer-Nähmaschinen, an denen die alten, nackten Frauen sitzen. Sie nähen stumm an schwarz-rot-goldenen Tüchern, während feine Damen über die Ausbeutung von Näherinnen in der Dritten Welt reden und sich ihre Gläser füllen lassen . . .

Diese Szene war einer der "Aufreger" im Vorfeld und ist jetzt eines von den starken Kresnik-Bildern, die sich einprägen - mit seiner dialektischen Metaphorik und sinnlichen Präsenz. "Du sollst nicht stehlen" - das wird hier in die Dimension eines globalen Zusammenhangs zwischen Erster und Dritter Welt gehoben. So eng wie beim siebenten ist die Beziehung zwischen den Geboten und den szenischen Bildern in den anderthalb Stunden, die die Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes "durchzustehen" haben, nicht immer.

Christoph Klimke hat für sein Libretto sentenzenhaft collagiert: von der großen Literatur bis hin zur kleinen Präsidentenlüge. Der Text ist verteilt auf einen Polizisten und einen Metzger, auf eine Richterin und eine Pfarrerin, auf Nutte, Mädchen und Diva, auf Soldat und Müllmann.

Die von Monique Krüs und Christiane Mikoleit raumfüllend zelebrierten Arienzitate liefern mit den eruptiven Ausbrüchen der Musiker unter Serge Webers Leitung die Zäsuren für die Bilderfolge - entlang der missachteten Gebote, bei denen etwa aus dem "Du sollst nicht andere Götter haben" ein "Diese Gesellschaft macht sich zum eigenen Maßstab" wird. Oder: Aus "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden" wird ein "Der Feind ist im Besitz von Massenvernichtungswaffen. Der Fremde bedroht uns". Ein Kresnik, der es halt nicht lassen kann.

Der "Fremde"

Günther Kaufmann, der gerade aus der Haft entlassene Fassbinder-Veteran, der farbige deutsche Schauspieler, er ist der "Fremde", der zu Beginn aus einem im Film brennenden Auto in die Kirche flieht und sie am Ende wieder verlässt - enttäuscht und anklagend, nachdem er von den versammelten Protagonisten der Gesellschaft reichlich attackiert und geschunden wurde.

Dieses Haus als Hüter der Gebote konnte ihm jedenfalls nicht das sprichwörtlich schützenden Dach über dem Kopf bieten. Fremd war er eingezogen, fremd zog er wieder aus. Kresnik freilich kommt mit seinen nicht immer subtilen, politisch illustrierenden (doch alles andere als obszönen) Bildern zu einer fast naiven Beschwörung des vergeblich scheinenden "Du sollst" der missachteten Gebote christlicher Moral.

Da ist der bekennende Atheist auf seine Weise dem Geist des Raumes vielleicht näher als dessen "Verteidiger" draußen vor der Tür. Mit dem Skandal war es wie immer - wird er angekündigt, dann findet er nicht statt. (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.1.2004)

Von
Joachim Lange

28. Jänner
6., 9., 20., 21. Februar
0049/421/36 55-333

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Bremer Theater

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    Die Schauspielerin Frederike Pöschel steigt in "Die Zehn Gebote" nackt auf den Altar. Eine Szene wegen der die Kresnik-Inszenierung, die zuerst im Bremer St.-Petri-Dom aufgeführt werden sollte, umstritten war/ist.

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    Neue Bilder von Johann Kresnik mit Schauspieler Günter Kaufmann - hier...

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    ...mit einer Menge batterie-betriebener Babypuppen.

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