Pressestimmen: Sieg Kerrys belebte lustlose Kampagne

23. Jänner 2004, 07:32
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Basler Zeitung: Opposition ist hochmotiviert "Präsidenten heim nach Texas zu schicken" - "Les Echos" erwartet Kopf-an-Kopf-Rennen mit Bush

London/Paris/Rom/Basel/Amsterdam - Zahlreiche internationale Tageszeitungen befassen sich am heutigen Mittwoch mit dem Ergebnis der ersten Vorwahlen der Demokraten im US-Bundesstaat Iowa. Die "Financial Times" wertet den Sieg des Senators John Kerry als Belebung einer bisher lustlosen Kampagne, die französische Wirtschaftszeitung "Les Echos" erwartet nun ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Amtsinhaber George W. Bush, für die italienische "La Repubblica" haben sich die Demokraten mit Kerry gegen die "Terror-Erpressung" durch Bush entschieden. Die "Basler Zeitung" sieht ein "offenes Rennen" um das US-Präsidentenamt

"Financial Times":

"Die Wähler des US-Bundesstaats Iowa haben nicht zum ersten Mal alle Erwartungen und konventionellen Weisheiten über Bord geworfen. Mit dem Sieg von Senator John Kerry, der noch vor einer Woche undenkbar schien, ist eine lustlose Kampagne neu belebt worden. Der Senator aus Massachusetts hat tapfer gekämpft. Seine Arbeit im Senat und seine Vietnam-Erfahrungen haben ihm geholfen. In New Hampshire werden die drei Top-Kandidaten der Demokraten nun mit einer neuen Herausforderung von General Wesley Clark konfrontiert. Es wird sicherlich noch viele Überraschungen geben. Iowa hat schon in der Vergangenheit Gewinner produziert, von denen dann später niemand mehr sprach. Howard Dean, der bisherige Favorit bei den Demokraten, könnte an die Spitze springen. Für ihn ist die nächste Woche ein großer Test."

"Les Echos":

"Präsident George W. Bush hat für seine Rede zur Lage der Nation nichts dem Zufall überlassen. Die Wahl seiner angesprochenen Themen kündigt eine Rückkehr zur Realpolitik und besonders zu den innenpolitischen Problemen an. Werden die amerikanischen Wähler auf diesen neuen Tonfall eingehen? Die Antwort wird erst in einigen Monaten möglich sein. Auch wenn der Weg ins Weiße Haus noch weit ist, so zeigt der Sieg des Senators John Kerry bei der Vorwahl der US- Demokraten in Iowa, dass das Rennen noch offen ist. Das hat bereits Vizepräsident Dick Cheney erkannt, der in neun Monaten ein Kopf-an- Kopf-Rennen erwartet."

"La Repubblica":

"Die Überraschung von Iowa ist die Mobilisierung der gemäßigten Anti-Bush-Wählerschaft gewesen, deren Bestrebung, ... jener Terror- Erpressung zu entkommen, mit der Bush in seiner Rede zur Lage der Nation wieder agitiert hat. Sie hat moderate und "wählbare" Kandidaten gewählt, im Gegensatz zu den Reitern des reinen Protests wie dem großen Besiegten dieser ersten Wahl, Howard Dean. Es existierte also trotz des Einstimmigkeits-Notstands eine interne Opposition zum "Bushismus", sie ist nicht gestorben, sie wurde weder vom 11. September noch von den Präventivkriegen erdrückt."

"Basler Zeitung":

"Das Risiko für die Demokraten besteht jetzt in einem langen, teuren, erbittert geführten Vorwahlkampf bis in den Frühling hinein, aus dem die Partei gespalten und der Sieger mit vielen Wunden und leerer Wahlkasse hervorgeht. Im Weißen Haus dürfte man aufhorchen. Wen die Demokraten im Herbst ins Rennen schicken, mag noch unklar sein. Doch die hohe Wahlbeteiligung in Iowa zeigt ebenso wie das dramatische Auf und Ab der Umfragen, dass die Wähler der Opposition hochmotiviert sind und einig: Sie alle wollen den Präsidenten heim nach Texas schicken."

"De Volkskrant":

"Dean hat sich in seinem schon früh gestarteten Wahlkampf durch seine Kampfeslust und seine unzweideutige Kritik an der Politik von Präsident (George W.) Bush hervorgetan. Er verkörperte die Wut, die in den Reihen der Demokraten noch immer über den fragwürdigen Wahlsieg von Bush im Jahr 2000 herrscht. Mit kluger Organisation und ungekünsteltem Stil hoffte er, ein neues Wählerreservoir erschließen zu können. Aber die Stimme der Wut reicht selten aus, um eine Mehrheit der Wähler in den USA zu gewinnen. Dazu braucht man auch die Stimme der Hoffnung. Die Teilnehmer an der Vorwahl in Iowa haben in letzter Sekunde zwei Kandidaten den Vorzug gegeben, die eher die Hoffnung vertreten - und sei es auch nur die Hoffnung, dass der Kampf gegen Bush nicht von vornherein für die Demokraten verloren ist." (APA/dpa)

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