Heimreise mit großem Gepäck

5. Juli 2005, 07:41
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Kontakt zwischen zivilen Bewegungen und PolitikerInnen ist ausbaufähig - Eine Bilanz des Weltsozial- Gipfels von Mumbai

Was mir vor allem in Erinnerung bleiben wird: Die unaufhörlich dahinwogenden Menschenmassen, die offene und freundliche Atmosphäre mit Musik und Tanz. Und gleichzeitig das konzentrierte Klima bei den über 1.500 Veranstaltungen, die in den letzten vier Tagen hier stattfanden. Das zeigt die zwei Seiten, die die globalisierungskritische Bewegung haben muss: Ohne Aktionismus wird man nicht wahrgenommen, doch dieser Aktionismus braucht eine inhaltliche Unterfütterung, die berechtigte Kritik braucht Gegenentwürfe. Netzwerke zu bilden, Initiativen und die dahinter stehenden Menschen kennen zu lernen, ist dabei notwendig und dafür gibt es keinen idealeren Ort als das Sozialforum. Der Kontakt zwischen zivilen Bewegungen und PolitikerInnen ist ausbaufähig – ich habe jedenfalls davon profitiert!

Unter den vielen angesprochenen Themen stach die Kritik der Antikriegs-Bewegung an der aggressiven Politik der Bush-Regierung hervor. Die Politik der Internationalen Finanzinstitutionen, das Schuldenproblem und der Kampf gegen Aids wurden ebenfalls angesprochen. Am sichtbarsten waren jene Themen, die für die indischen TeilnehmerInnen im Vordergrund stehen: Die Unterdrückung der Dalits (der "Unberührbaren") im Sinne einer "unsichtbaren Apartheid". Die Hoffnung auf friedliche Beziehungen zu Pakistan. Der Widerstand gegen den "Coca Cola"-Konzern, der in Südindien, wo extreme Dürre herrscht, Millionen Liter Grundwasser verbraucht (was den Managern angeblich vor kurzem per Gerichtsbeschluss verboten wurde). Und der beginnende Protest gegen ein Megaprojekt der indischen Regierung, bei dem die größten Flüsse Indiens durch Kanäle verbunden werden sollen – mit immensen Auswirkungen auf die davon betroffenen Menschen und die Umwelt.

Themen für die Zukunft

Das Weltparlamentarierforum hat mir gezeigt, dass die Vernetzung auf dieser Ebene noch viel weiter gehen, mehr Abgeordnete einbinden und inhaltlich intensiver betrieben werden muss. Nicht nur während dieses Forums, sondern während des ganzen Jahres bis zum nächsten weltweiten Treffen in Porto Alegre 2005. Nach Österreich nehme ich eine Reihe von wichtigen Themen mit, mit denen wir uns in Zukunft (weiter) beschäftigen werden: Das Thema Wasser und die Versorgung mit Trinkwasser; die zentrale Rolle der Landwirtschaft im Sinne der Nahrungsmittelsicherheit und der Ernährungssouveränität; die Rolle der Unternehmen und wie sie in die Verantwortung genommen werden müssen; die Schuldenfrage (die im Falle des Irak auch Österreich bald treffen wird). Und die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern, damit die Frauen endlich jenen Platz einnehmen können, der ihnen zusteht.

Der Abschlusstag des Sozialforums am Mittwoch ist nicht dem Diskutieren, sondern ausschließlich dem Demonstrieren gewidmet. Das wird vor allem die indischen AktivistInnen stärken. Aber ob das den Wirtschaftskapitänen Kopfzerbrechen bereiten wird, die abgeschirmt im fernen Davos beim Weltwirtschaftsforum die "Erfolge" ihres Wirtschaftssystems bejubeln? Wahrscheinlich wird das als Diskussionsplattform konzipierte Weltsozialforum nicht herumkommen, sich politische Strategien für die in Mumbai geäußerten Forderungen zu überlegen.

Heidi Rest-Hinterseer ist Regionensprecherin der Grünen im Nationalrat und nimmt für die Grünen in Mumbai am Weltsozialforum und am Weltparlamentarier- Forum teil

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Heidi Rest-Hinterseers Tagebuch aus Mumbai
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    Indische AktivistInnen tragen bei einer Performance Ketten an den Füßen, um gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen zu protestieren

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    foto: gruene
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