Wissenschafter wollen Venedig aufpumpen

26. Jänner 2004, 19:53
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Neben dem Bau gigantischer Fluttore schlagen Forscher einen weiteren Schutz gegen den steigenden Meeresspiegel vor

Venedig - Die italienische Lagunenstadt Venedig droht zusehends im Meer zu versinken. Vergangenen Mai begann daher das milliardenteure Bauprojekt "Mose" (Modulo Sperimentale Elettromeccanico): Im Meer montierte bewegliche Tore sollen die Inselstadt vor den immer häufiger einbrechenden Fluten abschirmen. Jetzt schlagen italienische Forscher eine Möglichkeit vor, die Venedig nicht nur vor periodischem Hochwasser, sondern permanent vor dem steigenden Meeresspiegel schützen könnte: Die Insel soll aufgepumpt werden.

Das Prinzip klingt simpel: Kohlendioxid (CO2), das in benachbarten Kraftwerken als Abgas anfällt, wird in eine 600 bis 800 Meter tief unter der Erdoberfläche gelegene Sandschicht gepresst, die nach oben und unten undurchlässig ist. Das CO2 kann nicht entweichen und drückt den darüber liegenden Boden nach oben, sodass sich Venedig in zehn Jahren um 24 Zentimeter hebt, kalkulieren die Wissenschafter. Das würde reichen, um mehr als 90 Prozent der Hochwasser zu entgehen. Versuche, Ölplattformen in der Nordsee mit dem Treibhausgas aufzupumpen, wurden bereits erfolgreich absolviert.

Pumpe man jedoch Meerwasser anstatt CO2 in den Untergrund, sei der Auftrieb des Landes noch größer, berichten Giuseppe Gambolati und Kollegen von der Universität Padova nun im geophysikalischen Fachmagazin Eos. In zehn Jahren könnte sich die Insel dann sogar um 30 Zentimeter heben. Allerdings müsste man auf den klimaschonenden Nebeneffekt verzichten, das Treibhausgas CO2 im Erdboden endzulagern.

Gleichmäßige Hebung

Gambolati ist überzeugt, dass sich der Boden unter Venedig gleichmäßig anhebt und Risse an Bauten auszuschließen sind. Das Aufpumpen brächte die Stadt auf die Höhe von vor hundert Jahren. Seither ließen die Förderung von Grundwasser und Erdgas aus dem Untergrund und die allgemeine Abwärtsbewegung der dortigen Erdplatte die Lagune um 15 Zentimeter absinken, während der Wasserspiegel um acht Zentimeter anstieg. In Summe 23 Zentimeter - einer mehr als die vorhergesagte Anhebung mit CO2.

Zwar hat sich die Landsenkung inzwischen verlangsamt, dafür aber bedroht der zunehmende Anstieg des Meeresspiegels Venedig immer mehr: Klimaforscher sagen für die kommenden 100 Jahre voraus, dass die Spiegel der Weltmeere um neun bis 88 Zentimeter steigen werden. Am wahrscheinlichsten sei ein Anstieg von etwa einem halben Meter, warnt das UN-Klimakomitee. Wenn es so weit ist, wäre auch "Mose" obsolet. Es soll ab dem Jahr 2011 voll funktionsfähig sein.

Immer häufiger müsste "Mose" dann geschlossen bleiben, um Venedig vor dem Versinken zu bewahren. Die Lagune würde sich dadurch in eine schlecht durchlüftete Kloake verwandeln, befürchten Fachleute. Durch das Anheben der Insel würde "Mose" aber weiterhin funktionieren.

Bisher erhöhen die Venezianer Bürgersteige und Straßen, um sich vor den Überschwemmungen zu schützen. Doch diese Praxis kommt in der historischen Stadt oft mit dem Denkmalschutz in Konflikt. Immer mehr Bewohner verlassen die Stadt. Vor 50 Jahren lebten noch 160.000 Menschen in Venedig, heute sind es höchstens 60.000.

30 Prozent der Wohnungen sind unbewohnt. Wasser in Kellern, in den Mauern und auf den Straßen vertreibt die Einwohner. Ständig müssen sie durch Müll und Fäkalien waten, die die Flut hereinschwemmt. Noch in dieser Woche wollen Gambolati und Kollegen ihren Rettungsentwurf den örtlichen Politikern präsentieren. Venedigs Bürgermeister erklärte bereits sein "größtes Interesse" an dem Aufpumpvorschlag. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 1. 2004)

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