"Generalisierter Verdacht"

21. Jänner 2004, 18:47
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Kriminalsoziologe Pilgram: Strengere Rechtspraxis bei Ausländern

"Eine Analyse der Haftzahlen zeigt schon, dass im Zusammenhang mit bestimmten Phänomenen der Kriminalität bestimmte Ausländergruppen übermäßig auffällig werden." Aber, betont Kriminalsoziologe Arno Pilgram vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie an der Universität Wien, das sei kein Beleg für eine besondere kriminelle Neigung von Ausländern, sondern oft Ausdruck der spezifischen Lebensumstände, in denen viele Nicht-Österreicher, vor allem illegale, leben.

"Österreicher sichern sich ihr Überleben anders, auf regulären Märkten. Ausländern bleiben oft nur illegale Märkte", so Pilgram, verantwortlich für den Teil "Haftzahlenentwicklung" im österreichischen Sicherheitsbericht.

Wenn ausländische Täter erwischt werden, kämen zwei Dinge erschwerend zum Tragen, so Pilgram. Die Rechtspraxis sehe vor, bei straffälligen Menschen, die "sonst keine gesellschaftliche Verankerung haben", schneller zur U- Haft zu greifen. Und bei der Verhängung der Untersuchungshaft über Ausländer würden bei der Frage der Angemessenheit "Skrupel nicht so laut" wie beim Gedanken an die "Legitimation des Freiheitsentzugs" für Österreicher, sagt Pilgram.

Zusätzlich werde das wirksam, was der Kriminalsoziologe "generalisierten Verdacht, auch gegen Personen, gegen die man an sich nichts in der Hand hat", nennt: "Es gibt schon eine unverhältnismäßig strengere Praxis bei erstmalig Auffälligen, die aus dem Ausland sind." Fast automatisch werde "gleich gewerbsmäßige Kriminalität" unterstellt.

Generell seien, so Pilgram, "Drogen und Eigentumsdelikte bevorzugte Einzugsbereiche für die U-Haft". Alle anderen Deliktgruppen, etwa die Aggressionskriminalität, zeigten rückläufige Zahlen. "Sicher ein Problem" sei, so Pilgram, die Tatsache, dass "relativ viele der aufgegriffenen ausländischen Täter relativ schnell ohne gerichtliches Strafurteil wieder entlassen werden" – dass also die U-Haft als eine Art "Sanktionenersatz für Straftaten" fungiert. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.1.2004)

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