Gefälschte Produkte können tödlich sein

22. Jänner 2004, 11:32
20 Postings

55 Tote bei Flugzeugabsturz durch falsche Schraube - Wirkungslose Arzneimittelplagiate - Mit Grafik

Es geht nicht nur um die falsche Luxusuhr und das überaus billige Polo-Shirt mit dem Krokodil. Produktpiraterie ist oftmals lebensbedrohlich. Darauf wies Peter Lowe, stellvertretender Direktor der ICC Commercial Crime Services, vor einigen Tagen bei der von dem US-Mischkonzern 3M veranstalteten Tagung in Amsterdam zum Thema "Schutz von Identität und Marken in der globalen Wirtschaft" hin. Besonders im Luftfahrt- und im Pharmabereich hat es durch billigere, aber auch qualitativ schlechtere Plagiate bereits Tote gegeben.

Lowe brachte das Beispiel einer norwegischen Convair 580-Passagiermaschine, die 1989 auf dem Weg von Oslo nach Hamburg über dem Skagerrak abstürzte. Alle 55 Insassen starben damals. Der ICC-Experte: "Ursache war damals eine gefälschte Schraube, die nicht funktionierte."

Fälschungen im pharmazeutischen Bereich

Auch Fälschungen im pharmazeutischen Bereich haben Lowe zufolge große Auswirkungen. In Kambodscha etwa wirkte ein Medikament gegen Malaria nicht mehr. Erst nach einem längeren Zeitraum überprüften die Behörden die Medizin und fanden heraus, das es sich um Fälschungen ohne jede Wirkung handelte. Der Brite brachte zudem ein Beispiel aus Kolumbien, wo einfach gepresstes Mehl als Medikament verkauft wurde.

84,951.039 Artikel "falsche" Artikel sichergestellt

Fälscher machen nahezu vor nichts halt: Blutdruckmessgeräte, Lebensmittel - in Russland beispielsweise fand sich in einem als Chilipulver deklarierten Produkt schlicht Staub -, klassische Luxusartikel (Rolex, Ray Ban etc.) bis hin zu Bremsscheiben (aus Gras, Anm.) und Ähnliches mehr wurden schon gefälscht.

Sieht man sich die EU-Statistik für 2002 über die beschlagnahmten Plagiat-Produkte an, so wurden insgesamt 84,951.039 Artikel sichergestellt. Wenig überraschend stellten Zigaretten den größten Einzelposten, gefolgt von Produkten der Unterhaltungselektronik wie CDs und DVDs. An dritter Stelle folgten Mode und Accessoires. Bei den Herkunftsländern der beschlagnahmten Güter kamen 43 Prozent aus Thailand, 15 Prozent aus China sowie acht Prozent aus der Türkei. Der Rest verteilte sich auf zahlreiche andere Staaten.

Härtere Strafen gefordert

Gegenmaßnahmen müssten Lowe zufolge in zwei Richtungen zielen: Härtere Strafen für die Produktfälscher und Erziehung der Kunden. "Was habe ich davon, wenn sich jene über den Flugzeugabsturz aufregen, der wegen gefälschter Maschinenteile passiert ist, die sich selbst das Rolex-Plagiat kaufen?", fragte der Experte. Kunden seien oft "willige Opfer". Das Image, einen vorgeblich teuren Markenartikel zu besitzen, stehe bei vielen an erster Stelle. Mit repressiven Maßnahmen lasse sich derzeit nicht viel ausrichten: "Eine Hand voll Leute kämpft gegen ein sich immer mehr ausbreitendes Problem."

Peter Lowe wies darauf hin, dass es durch Produktfälschungen massive Auswirkungen auf den Markt gibt. Plagiatproduzenten würden keine Steuern zahlen, unter dem Einfluss der Organisierten Kriminalität stehen, den Markenunternehmen Umsätze wegnehmen und damit Arbeitsplätze gefährden. Rund fünf bis sieben Prozent des Welthandelsvolumens machen die durch Produktfälscher entstandenen Schäden aus, so Schätzungen. Über das Ausmaß des Marktes konnte auch Lowe keine Auskunft geben: "Es geht auf jeden Fall um Milliarden Dollar."

"Hört auf, sie zu kaufen."

Welche Gegenstrategien die Markenproduzenten ergreifen können, vermochte auch Peter Lowe nicht zu sagen. Ein Weg ist derzeit das Anbringen von Hologrammen und anderen Sicherheitsmerkmalen auf Verpackungen. Der ICC-Direktor könnte sich auch andere Wege vorstellen: "Vielleicht sollten sie billiger werden. Aber es gibt hier keine Konzepte in der Schublade, so weit ich weiß." Den Kunden empfahl er im Kampf gegen Markenplagiate: "Hört auf, sie zu kaufen." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Gefälschte Tabletten können tödlich sein.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Produkt-Fälschungen weltweit

Share if you care.