Die Fahrradklingel als Instrument

25. Jänner 2004, 17:37
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Ein experimentell-verspielter Abend mit The Nits aus den Niederlanden

Wien - Wer das wichtigste Utensil im niederländischen Straßenverkehr, die Fahrradklingel, noch nie als Instrument gehört hat, wird bis zum nächsten Gastspiel der niederländischen The Nits warten müssen. Ihr jüngstes Album, 1974 (2003), benannten sie nach ihrem Gründungsjahr. Ein bisschen müde nach 30 Jahren im Geschäft präsentierten sie sich am Wochenende im Wiener Planet Music.

Mit ihren einstigen Vorbildern wie The Talking Heads oder Kraftwerk haben sie nur mehr wenig gemeinsam. Vielmehr schufen sie neben mehr als 20 Alben einen eigenen Stil, der an die Rhythmik von Calexico erinnert. Zwischendurch wurde heiter (auf Deutsch) philosophiert. Sänger Hofstede vernetzt die Songs dramaturgisch mit Anekdoten: Ein überlebensgroßer Hase, der Finnland zur Winterzeit terrorisiert, war etwa der Ausgangspunkt für Savoy (2003), benannt nach einer Konzerthalle in Helsinki.

Auch textlich - "In a Swiss Town by the lake, I fall down like a white snowflake" - Erlebtes durchaus autobiografisch. Wer Musikalisches von den 60ern bis zu New Wave erwartete, wurde von The Nits mit einem experimentellen Cocktail aus drei Fingerbreit Weltschmerz, ebenso viel Lebensfreude, abgeschmeckt mit ein paar Tropfen kostbarer Lebenserfahrung überrascht. Serviert haben das Ganze ein charmanter Sänger, der gar an Tom Jones erinnerte, und seine ebenso gut gelaunte Band. Durch Outfit und exaktes Gehör überzeugte etwa der Keyboarder Jan Stips. Sein Auftritt in grünem T-Shirt und Oranjes-Trainingshose bleibt unvergesslich.

Stimmungsvolle Fotos unzähliger Fenster, Landkartenbilder zahlreicher Mikroinseln und Fischmünder wurden im Hintergrund projiziert. Welche Geräusche Fische machen, wurde mithilfe von Effektgeräten geklärt. Ihr größter Hit In the Dutch Mountains (1987) lockerte die verspannten Glieder der nicht mehr so jungen und gesundheitsbewussten Fangemeinde (kaum Alkohol- und Zigarettenkonsum).

Das Wort "Rumspringa", aus dem Vokabular der US-Amish-Sekte, hat es dank The Nits in einen Popsong geschafft. Zum Herumspringen war man trotzdem zu träge. Kopfnicken und Fußwippen war angesagt. Fazit: Unterhaltsames für kalte Winterabende. Vielleicht erklärt das den Erfolg in Finnland. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2004)

Von
STANDARD-Mitarbeiter Jan Marot
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    Jüngstes Nits-Album: 1974 (2003)

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    "In the Dutch Mountains": Ihr größter Hit (1987)

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