Gewaltdilemma der Friedenskämpfer

21. Jänner 2004, 15:53
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Weltsozialforum in Bombay: Debatte um Widerstand gegen US-Besatzung im Irak

Bevor die indische Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin Arundhati Roy am Sonntagabend mit ihrer Rede beim Weltsozialforum in Bombay begann, stellte sie einen Punkt klar: Sie unterstütze ausschließlich gewaltfreien Widerstand, sagte Roy. Danach sprach die Ikone der globalisierungskritischen Bewegung wie geplant über "Krieg gegen Frauen, Frauen gegen Krieg".

Roy hatte offenbar den Eindruck, eine Richtigstellung schuldig zu sein. Denn ihre Rede zur Eröffnung des Weltsozialforums am Freitag hatte Fragen aufgeworfen, die beim Weltgipfel der Globalisierungskritiker seitdem munter diskutiert werden. Es geht darum, ob das Weltsozialforum den irakischen Widerstand gegen die US-Besatzung unterstützen solle - und wenn ja, wie? Großen Interpretationsspielraum hatte Roy mit ihrer Forderung gelassen, das Forum solle "erwägen, dass es sich im Krieg befindet". Und weiter: "Wenn wir wirklich gegen Neoliberalismus und Imperialismus sind, dann müssen wir nicht nur den Widerstand im Irak unterstützen, sondern selbst zum Widerstand im Irak werden."

Permanenter Kriegszustand

Was kann das heißen, "sich im Krieg befinden"? Sven Giegold, der Organisator von Attac Deutschland, will die Sache eher symbolisch verstehen. "Sie will uns nicht sagen, dass wir zu den Waffen greifen sollen", so Giegold. Roy wolle auf den "permanenten Kriegszustand" hinweisen, in den der Neoliberalismus und die US-Hegemoniepolitik die Welt gestürzt habe.

Bei Attac Frankreich deutet man die Sache allerdings etwas anders. "Natürlich hat die irakische Bevölkerung das Recht, gewaltsam Widerstand gegen die Besetzung durch die US-Truppen zu leisten", sagt Christophe Aguiton vom wissenschaftlichen Beirat der französischen Attac-Sektion. Der Angriff der USA verletze das Völkerrecht und stelle damit eine rechtswidrige Okkupation dar. Aguiton verweist auf das Recht der französischen Résistance im Zweiten Weltkrieg, Widerstand gegen die Besetzung durch Hitler-Deutschland zu leisten.

Walden Bello, Vordenker der Organisation Focus on the Global South aus Bangkok, geht einen Schritt weiter. "Wir sollten unsere Unterstützung für den Widerstand aussprechen", sagt Bello. Über die Wahl der Mittel sollten die Iraker selbst entscheiden. Dabei sei es auch "legitim", US-Soldaten umzubringen. Selbstmordanschläge wie den vom Sonntag in Bagdad lehnt er allerdings ab.

Aguiton wie Bello sprechen der Mehrheit des Weltsozialforums vermutlich aus dem Herzen, wenn sie auf einen raschen Abzug der US-Truppen und freie Wahlen ohne äußere Einmischung pochen. Das jedenfalls fordert jede zweite Teilnehmergruppe, die trommelnd, singend oder Parolen schreiend über die Hauptstraße des Forumgeländes zieht. Die kleine österreichische Delegation gehört hingegen zu jenen, die sich hauptsächlich mit Wirtschaftsthemen wie der Dienstleistungsliberalisierung beschäftigen.

Was aber heißt "Unterstützung des Widerstandes" nun für Globalisierungskritiker in Asien und Europa? Eine Erklärung des Forums dazu ist in Arbeit. Für Aguiton könnte praktische Solidarität darin bestehen, "Friedenskarawanen" in den Irak zu schicken - ähnlich den internationalen Beobachtern, die in den vergangenen drei Jahren versuchten, Übergriffe des israelischen Militärs gegen die Palästinenser zu dokumentieren und zu verhindern. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2004)

Hannes Koch aus Bombay
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