Ein Hauch von Rauch

19. Jänner 2004, 12:39
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Stimme aus dem Jenseits: Und was ist mit dem Alkohol, den Abgasen im Autoverkehr, der Volksverblödung durch das Fernsehen . . .? - "Ich will nur sagen, dass mir dieser Kreuzzug gegen das Rauchen mehr als suspekt erscheint." Kommentar der anderen

Es stimmt, Rauchen schadet und die Frauen auch, das haben sie mir schon als Kind gesagt, und mein Vater hat mir die Zigaretten verboten, weil er alleine schon mehr als genug geraucht hat. Rauchen schadet immer, obwohl viele Achtzigjährige schon längst gestorben wären, wenn ihnen nicht die Pfeife Gesellschaft leisten würde, und Churchill hätte ohne Zigarre den Krieg verloren.

Mir persönlich schadet der Rauch ganz besonders, denn ich rauche beim Schreiben ununterbrochen, und Schreiben ist eine schlechte Angewohnheit, die auch den Passivlesern schadet. Schlussendlich ist das Rauchen eine von tausend bekannten Ursachen für Krebs und eine von zehntausend unbekannten, so wie die Therapien dagegen.

Dies vorausgesetzt: Ist der Rauch das schlimmste aller Übel und das dümmste Laster? Ist er die Gefahr Nummer eins, die von Millionen Kamikazes des Tabaks verinnerlicht wurde, die jedes Jahr Milliarden von Molotow-Zigaretten anzünden und die Steuereinnahmen um zwei Prozent steigen lassen, aber dabei an Unschuldigen ein Massaker verüben? Diesen Eindruck gewinnt man derzeit. Na gut, für einmal überlässt der Liberalismus dem Prohibitionismus das Feld, und die multinationalen Tabakkonzerne müssen künftig Psychopharmaka produzieren statt Nikotin, was dasselbe ist (die amerikanischen Konsumenten, die seit jeher zur Avantgarde zählten, haben das Problem schon auf diese Weise gelöst). Abgesehen davon, dass es ein Leichtes ist, mit dem Rauchen aufzuhören, wie schon Mark Twain gesagt hat, der das gut tausendmal geschafft hat.

Aber da es auf dieser Welt keine Gerechtigkeit gibt und das Gesetz nicht für alle gleich ist, bleibt der größte und schädlichste Raucher weiterhin auf freiem Fuß. Er raucht nicht Tabak, sondern Benzin, und aus seiner gigantischen Öffnung wird er weiterhin seine wohlbringenden Ausstöße in Richtung unserer passiven Lungen befördern, zunächst auf der Höhe von Spaziergängern, dann bis hinauf zur Biosphäre. Es stimmt, dass Benzinrauchen produktiv ist, deshalb werden ja auch Kriege geführt, während das Rauchen im Lokal unnütz und müßig ist, und das ist der Unterschied.

Und die anderen Laster? Fernsehen schadet, man müsste das Gerät aus Gründen der Volksgesundheit abschalten, sagt die Frau des italienischen Staatspräsidenten Ciampi. Und was tun wir mit dem Alkohol? Wieso diese Diskriminierung? Auf den Flaschen steht nicht einmal, dass er die Gesundheit von Körper und Seele gefährdet. Ich meine nicht die Superalkoholika, die für Minderjährige verboten sind, sondern den guten Wein, der auch den Erwachsenen schadet: Der Rausch bringt einem per definitionem aus dem Gleichgewicht.

Ich verstehe, dass die zahlreichen Weinbauern ganz und gar nicht erfreut wären über derartige Verbote, und die Volkswirtschaft in einzelnen Regionen und in der EU bekämen es mehr zu spüren als ein Tabakmonopol. Ich will sagen, dass mir dieser Kreuzzug gegen das Rauchen mehr als suspekt erscheint. Es gibt einige etwas größere Probleme, über die nicht einmal gesprochen wird. Wieso diese Emphase über eine einfache Frage zivilen Zusammenlebens?

Die Demagogie ist erfunden worden, um abzulenken, ich weiß. Aber, ihr Menschen der Wissenschaft, verbindet wenigstens ihr sie nicht mit dem Kampf gegen den Krebs. Ursprünglich galt der Tabak als therapeutisches Mittel, der Rauch hatte eine sakrale Funktion, die dann im 17. und 18. Jahrhundert eine weltliche wurde. Madame Butterfly träumte von einem Hauch von Rauch am Horizont und fand darin Trost, und Humphrey Bogart starb vorzeitig und wäre ohne Zigarette auf seinen Lippen doch gestorben - ohne aber Humphrey Bogart gewesen zu sein. Rauchen wir eine darauf, versteckt . . . (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.1.2004)

von Luigi Pintor
geboren 1925, zählte zu den führenden Köp- fen der intellektuellen Debatte in Italien; 1969, nach seinem Ausschluss aus der KPI, grün- dete er zusammen mit Rossana Rossanda die linke unabhängi- ge Tageszeitung "Il Manifesto", in der auch der hier wiederge- gebene Text wenige Wochen vor Pintors Tod im Mai 2003 erschienen ist; Bücher des Au- tors auf Deutsch: "Servabo" und "Der Mispelbaum" (beide im Verlag Wagenbach); Über- setzung: Benedikt Sauer
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