Nur wenn der Schlüssel ins Schloss passt

25. Jänner 2004, 21:44
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Das einzige Christian-Doppler-Labor an der Universität Wien beschäftigt sich mit molekularer Erkennung. Welche Vorteile dieses chemische Verfahren für Pharmazie und Diagnostik bringen kann, erzählt Wolfgang Lindner, wissenschaftlicher Leiter des Labors, im Gespräch mit Peter Illetschko

STANDARD: Was bedeutet molekulare Erkennung?

Lindner: Biologische Systeme steuern sich über ineinander verschachtelte Abläufe. Die molekulare Erkennung spielt dabei eine wichtige Rolle. Fremdkörper wie Viren oder Bakterien werden erkannt, um sie dann in der Folge durch Antikörper unschädlich zu machen. Die Chemie versucht sich Molekülerkennungsprinzipien für unterschiedliche Zwecke zunutze zu machen, sei es für die Materialchemie, für die Synthese oder für die Analytik.

STANDARD: Wie lernen Materialien, Moleküle zu erkennen?

Lindner: Wir experimentieren und arbeiten mit Computermodellen, um die räumlichen Strukturen zu erfassen, wobei man molekulares Erkennen wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip sehen kann: Nur wenn ein Schlüssel in das Schloss passt, kann es aufgesperrt werden.

STANDARD: Die Doppler-Labors betreiben anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Wo liegt hier der Nutzen?

Lindner: Wir versuchen etwa Materialien zu entwickeln, die das Resveratrol im Rotwein selektiv erkennen und es aus einem Pflanzenextrakt extrahieren können. Man schreibt dem Resveratrol ja eine antioxidative Wirkung zu, was den Rotwein, in Maßen genossen, gesund für Herz und Kreislauf macht. Die molekulare Erkennung ist aber auch in der Pharmazie anwendbar - dank Chiralität . . .

STANDARD: Was heißt das?

Lindner: Chiralität heißt Händigkeit und beschreibt das Phänomen von Bild und Spiegelbild. Auf makroskopischer und räumlicher Ebene könnte man es mit der Passform von zwei Objekten beschreiben, etwa mit dem passenden rechten Handschuh für die rechte Hand, der eben nicht auf die linke Hand passt. Auf molekularer Ebene ist das ganz ähnlich, wobei nun das Phänomen dazukommt, dass die zwei Moleküle, die sich wie Bild und Spiegelbild verhalten, auch unterschiedliche Wirkung haben können. Für die moderne Arzneistoffentwicklung ist Chiralität sehr wichtig geworden und führt letztendlich zu sichereren und besseren Arzneimitteln.

STANDARD: Sind molekülerkennende Methoden auch in der Diagnostik anwendbar?

Lindner: Ja, man kann unter anderem Krankheiten im Frühstadium erkennen, indem man das Blut eines Menschen nach Marker-Substanzen analysiert, noch ehe zum Beispiel ein Tumor klinisch sichtbar ist. Solche krankheitsanzeigende Stoffe sind im Blut in geringsten Spuren vorhanden.

STANDARD: Sie verfolgen also ein breites Spektrum. Sind da nicht sieben Jahre Laufzeit, auf die jedes Christian-Doppler-Labor ja beschränkt ist, viel zu kurz?

Lindner: Es ist eine relativ kurze Periode, da die Grundlagenforschung Zeit braucht. Wir überlegen schon, ob wir nicht ein Start-up-Unternehmen gründen sollten, um unsere Erkenntnisse nicht in Schubladen verstauen zu müssen.

STANDARD: Haben Sie da als Wissenschafter Hemmschwellen, derart bewusst in die Kommerzialität zu gehen?

Lindner: Eine hohe Schwelle müssen wir schon überspringen, weil wir nicht wissen, ob wir uns am Markt auch bewähren. Andererseits haben wir schon innovative Materialien entwickelt, die international gefragt sind. Denn eine wichtige Anerkennung für Wissenschafter ist auch, wenn ihre Erkenntnisse in der Gesellschaft gebraucht werden.

STANDARD: Sie sind Lehrstuhlinhaber am Institut für Analytische Chemie an der Uni Wien. Die Unis werden nun in die Vollrechtsfähigkeit entlassen - sind da Wissenschafter nicht ohnehin aufgefordert, wirtschaftlich zu denken?

Lindner: Das Thema wirtschaftliches Denken in der Forschung ist im Ansatz widersprüchlich und wird in der Kollegenschaft in dieser Form auch nicht ernst genommen. Interessanterweise sind wir auch das einzige Doppler-Laboratorium an der Uni Wien, im Gegensatz zu den Technischen Universitäten, das sagt schon viel. Die Vollrechtsfähigkeit wäre eine Chance, mit Gestaltungsspielraum auch durch verstärkte Kooperationen anwendungsorientierte Grundlagenforschung zu etablieren. Andererseits sind die von der Universität und der Politik zur Verfügung gestellten Ressourcen klein, und eine Unterstützung ist kaum zu verspüren. Wir arbeiten hier zum Beispiel in manchen musealen Räumen, haben zu wenig Platz und auch zu wenig Personal. Da braucht man schon sehr viel Engagement.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 1. 2004)

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