Fehlstart einer Kandidatin

28. Jänner 2004, 18:49
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Ferrero-Waldner hat in ihren ersten 48 Stunden viele Befürchtungen wahrgemacht - von Eric Frey

Nach der halbwegs geglückten Inszenierung ihrer Nominierung vergangenen Freitag tat sich die frisch gebackene Bundespräsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner in ihren Medienauftritten am Wochenende schwer. Sie habe in all den Monaten, in denen lautstark über ihre Kandidatur spekuliert wurde, das Thema kein einziges Mal mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel oder ihrem Ehemann besprochen, legte sie zum Auftakt ihres Interviews im Ö1-"Mittagsjournal" am Samstag den staunenden Zuhörern dar. Zur Frage der Homosexuellenehe, eines der in der westlichen Welt am heftigsten diskutierten gesellschaftspolitischen Themen, verweigerte sie schroff jede Antwort.

Am Sonntag wirkte die Außenministerin in der ORF-"Pressestunde" etwas souveräner als bei ihrem letzten Auftritt im November, sie ließ aber mit weiteren seltsamen Aussagen aufhorchen: Sie sei 1995 als "Fachfrau" in die Regierung geholt worden (Ferrero war damals in der UNO für Protokollfragen zuständig), sie sei 1998 für Österreichs EU-Vorsitz zuständig gewesen (dies sind üblicherweise Bundeskanzler und Außenminister), sie habe als OSZE-Zuständige 2000 für 54 Staaten Verantwortung getragen (die OSZE hat äußerst geringe Kompetenzen), und sie habe die österreichischen Geiseln in der Sahara "viel früher als die anderen" herausgeholt (dass sich die zehn Österreicher in jener Gruppe befanden, die im Mai 2003 von der algerischen Armee befreit wurde, war reiner Zufall).

Ferrero-Waldner gelang es auch nicht, Diskrepanzen zwischen früheren und heutigen Positionen zu erklären: In ihrem Buch war sie 2002 noch für den Nato-Beitritt eingetreten, heute gebe es zur Position des vehementen Neutralitätsverfechters Heinz Fischer "keinen großen Unterschied", weil sich die Lage seither so dramatisch geändert habe. Einst war sie fürs reine Berufsheer, heute für ein "Mischsystem" (also den Status quo).

Bezüglich ihres Amtsverständnisses will Ferrero-Waldner sich einerseits nicht in die Tagespolitik einmischen, andererseits einen "Dauer-Runden-Tisch" einrichten. Und selbst die Beschreibung ihres angeblich so heroischen Kampfes gegen die Sanktionen kam nicht ganz glatt herüber: Sie habe mit "Beherrschung" gekämpft, um im nächsten Satz "Schreiduelle" mit dem belgischen Außenminister Louis Michel zuzugeben. Dass sie englische Sprichwörter falsch zitiert ("Let's cross the bridge when we come to it" heißt es richtig, nicht ". . . when we are there") stellt ihre größte Stärke, die Weltgewandtheit, infrage. Und die einzige überraschende Festlegung dieses Wochenendes ist für viele potenzielle Wähler wenig attraktiv: Sie würde auch einen Minister Jörg Haider angeloben, wenn er "legitimiert" wäre - was immer das auch heißen mag.

Manches von dem wäre bei einer echten politischen Quereinsteigerin entschuldbar und ließe sie in den Augen vieler Wähler sogar sympathisch erscheinen. Aber Ferrero-Waldner ist seit neun Jahren Politikerin und zeigt mit teils ausweichenden, teils unglaubwürdigen Aussagen, dass sie sich in dieser Zeit die schlechtesten Eigenschaften dieses Berufsstandes angeeignet hat.

48 Stunden nach ihrer Nominierung bleibt daher der Eindruck einer Kandidatin, die für nichts wirklich steht außer ihren Wunsch zu siegen. Die schlimmsten Befürchtungen vieler ÖVP-Funktionäre werden somit wahr. Natürlich hat der Wahlkampf erst begonnen und bietet noch manche Gelegenheiten zu Korrekturen, aber die Startpositionen der beiden Kandidaten stehen fest: Fischer muss nur sich selbst verkörpern und grobe Schnitzer vermeiden, Ferrero-Waldner muss erst ihre Linie finden.

Selbst Kritiker ihrer Person und ihrer Partei sollten sich wünschen, dass ihr dies gelingt. Ferrero hat mit einem Recht: Die erste Präsidentschaftskandidatur einer Frau mit reellen Siegesaussichten könnte als kleines Signal der Gleichberechtigung dienen - selbst wenn sie mit Anstand unterliegt. Ein völlig verpatzter Wahlkampf wäre hingegen eine vergebene Chance. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2004)

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