"Unordnung und Unzuverlässigkeit"

19. Jänner 2004, 09:29
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Italien wird von einer Protestwelle überrollt

"Untragbar" - Italiens sonst für mäßigende Töne bekannter Parlamentspräsident Pier Ferdinando Casini sah am Wochenende den Zeitpunkt für einen Alarmruf gekommen. "Wilde Streiks machen den Italienern das Leben schwer und vermitteln den Eindruck von Unordnung und Unzuverlässigkeit." Casini hat Grund, sich um das Ansehen Italiens zu sorgen. Denn das Land wird von einer beispiellosen Protestwelle überrollt.

Italiens Richter kamen am Wochenende in schwarzer "Trauerrobe" zur Eröffnung des Gerichtsjahres. "Extremisten", schimpfte Justizminister Roberto Castelli. "Die Richter sind keine Funktionäre im Dienste der jeweils Mächtigen", konterte der Generalstaatsanwalt von Florenz, Gaetano Ruello. 100.000 Lehrer und Eltern protestierten am Samstag auf der römischen Piazza del Popolo gegen die Schulreform der Regierung.

Am Montag legen die Alitalia-Bediensteten die Arbeit nieder. Die Fluggesellschaft, die im abgelaufenen Jahr Verluste von 400 Mio. Euro eingeflogen hat, musste 364 Flüge annullieren. Über 1000 Flüge fielen in Italien in den letzten Wochen Streiks zum Opfer. Bereits am Wochenende legten am römischen Flughafen Fiumicino Angehörige des Bodenpersonals spontan die Arbeit nieder. Verspätungen bis zu vier Stunden und mehrere annullierte Flüge waren die Folge. Am 26. Jänner wollen die Busfahrer gegen den vor Weihnachten unterzeichneten Arbeitsvertrag streiken. Dass die zuständige Garantiekommission den Streik als ungesetzlich wertet, kümmert sie nicht. Den großen Gewerkschaften ist die Kontrolle über die Beschäftigten entglitten.

Medien, Soziologen und Psychologen orten die Ursachen der rabiaten Proteste in einem verbreiteten "Malessere" - einem Unbehagen vieler Italiener über die Zustände im Land. Der Soziologe Franco Ferrarotti indes verweist auf die "katastrophalen psychologischen und soziologischen Folgen" der wilden Streiks, weil sie "die soziale Ordnung destabilisieren". Dagegen sieht der Chef der christlichen Gewerkschaft CISL Italien "vom sozialen Kahlschlag bedroht". Dafür, dass die lebhafte Diskussion über das wachsende "Malessere" der Italiener nicht abebbt, ist gesorgt: Am 9. Februar streiken Piloten und Ärzte, am 20. sind erneut die Fluglotsen an der Reihe. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2004)

Gerhard Mumelter aus Rom
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