Karmesinroter Seidenschal als chromatischer Kick

23. Jänner 2004, 12:45
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Soignierte "Resonanzen"-Eröffnung mit Jordi Savall

Wien - Alle Jahre wieder umrahmt das Wiener Konzerthaus den lichtarmen, keks- reichen und schmuddelwettrigen Monat Dezember mit zwei Festivals, bemüht, den Musikfreund in dieser schweren Zeit durch außergewöhnlich Klingendes und Singendes aller Art zu unterhalten und zu bereichern und ihn so das nasse Grau und das graue Nass um ihn herum vergessen zu lassen, wenigstens für die kurze Doppelstunde eines Konzertbesuchs.

Eingangs des Dezembers, im November also, wurde Wien Modern positioniert mit der Absicht, den interessierten Hörer mit dem ernsten Musikschaffen der nahen und nächsten Vergangenheit zu divertieren und zu konfrontieren. Gute vier Wochen dauert die Passage des großzügig dimensionierten Festivalkreuzers jeweils, exotische Klang-Reiseziele werden genauso angesteuert wie stärker frequentierte Ton-Häfen.

Mit einer etwas schnittigeren Jolle werden zu Beginn des neuen Jahres die zeitlich weitaus weiter entfernten Gegenden des musikalischen Mittelalters und der Barockzeit angesteuert und für den Zeitraum von einer Woche äußerst intensiv befahren. Die Rede ist natürlich von den Resonanzen. Sie finden heuer zum zwölften Mal statt; eröffnet wurden sie am Samstag mit einem Konzert von Jordi Savall, dem Katalanen, dem Gambisten, dem Konzerthaus-Ehrenmitglied und Resonanzen-Fixstern und Mann der allerersten Stunde.

Glauben an Gott

Das ewige Mit- und Gegeneinander, das sich Befruchtende und Beschneidende von "Traum und Wirklichkeit" zu beleuchten hat sich die Resonanzen-Dramaturgie für die diesjährige Fernfahrt vorgenommen; Jordi Savall bot zu diesem Behufe sakrale Werke des Hallenser Kirchenmusikdirektors Samuel Scheidt (nun auch schon 350 Jahre tot) und des französischen Lully-Konkurrenten Marc-Antoine Charpentier (vor 300 Jahren dahingeschieden) dar, die den Glauben an Gott (für die einen ein spinnerter Traum, für die anderen spirituelle Wirklichkeit) thematisierten.

Aufgebockt (eine wirklich gute Idee, weil dadurch eine deutliche akustische Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr) fiedelten, bliesen und sangen das in der Reanimation alter Musik bewährte Ensemble Hespèrion XXI und die Capella Reial de Catalunya (allerdings ohne Montserrat Figueras) unter der Leitung des 63-Jährigen samtig, subtil und swingend, im Gesamten etwas zu handzahm, zu vornehm, mehr tänzelnd als tänzerisch.

Jordi Savall - man meint, den jüngeren, noch soignierteren, feingeistig-feingliedrigeren Bruder Gerhard Töttschingers vor Augen zu haben - strich die Diskantgambe mit Anmut und Genauigkeit in gewohnter Souveränität; ein karmesinroter, hüftlanger Seidenschal gab seinem Outfit den entscheidenden chromatischen Kick. Keine Frage daher: Freundlicher und recht freudiger Applaus. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19.1.2004)

Von
Stefan Ender

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Wiener Konzerthaus
Die Resonanzen dauern noch bis 25. Jänner.

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