Delirierende Lokalgröße in schwülem Grenzort

19. Juli 2004, 10:18
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Neil Jordans Gaunerfilm "The Good Thief"

Wien - Bob ist eine alte Spielernatur. Seine Welt sind die von Rauch durchzogenen Bars an der französischen Riviera, Kasinos und Pferderennbahnen. Seine besseren Tage gehören allerdings der Vergangenheit an: Notorisch "out of dope and out of luck", versucht Bob die Würde eines Gentleman-Gauners zu wahren, auch wenn es dafür mancher Lügen bedarf.

Bob le flambeur hieß ein Film von Jean-Pierre Melville aus dem Jahr 1956, der die Geschichte eines Pariser Gangsters und seines letzten Coups erzählte. Er ist das Vorbild für Neil Jordans eher freies Remake The Good Thief, der eine ähnliche Handlung verfolgt, in dem Bob aber bereits zur anachronistischen Figur geworden ist. Der US-Darsteller Nick Nolte spielt ihn meist so, dass nicht klar wird, was an ihm Delirium und was Charakter ist: Worte zermalmt er mürrisch mit der Zunge.

Wie schon Steven Soderbergh in Ocean's Eleven, der die jazzigen Posen des Rat-Pack in zeitgemäßem Design wieder aufleben ließ, geht es auch Jordan in seiner Neuauflage vor allem um Fragen des Stils: Mit angestrengt coolen Dialogen wird hier geradezu um sich geworfen, schwermütiges Schwarz-Weiß weicht neondurchtränkter Lässigkeit, und Verbrechertum ist immer noch eine Frage der Weltanschauung. Jordan dringt in keine geschlossenen Milieus mehr vor, sondern sucht in Nizza die Atmosphäre eines schwülen Grenzortes, in dem sich allerlei Flüchtlinge und Aussteiger tummeln.

Der Halbamerikaner Bob ist dabei die Lokalgröße, welche die anderen Gestrandeten um sich schart: Er bewahrt ein russisches Mädchen davor, zur Prostituierten zu werden, heckt mit seinem Kumpel Paulo (Said Taghmaouie) und einer Schar illustrer Nebenfiguren (unter anderen Regisseur Emir Kusturica als Experte für Alarmanlagen) einen raffinierten Raub aus und lenkt zugleich den befreundeten Polizisten (Tschéky Karyo) freundlich in die Irre.

Spannung, wie sie Caper-Movies ansonsten mit sich bringen, darf man sich von The Good Thief keine erwarten: Die Täuschungsmanöver, Handlungsvolten und doppelten Böden werden derart zahlreich gesetzt, dass sie nur Verwirrung stiften. Der Raub von Gemälden aus dem Kasino von Monte Carlo dient für Jordan mehr als Vorwand, um sich in artifiziellen Improvisationen zu ergehen, die ein eklektischer Soundtrack mit der nötigen Aura versorgt. Am Ende gibt es einen großen Knall, bei dem Bob - wie schon bei Melville - ungerührt am Spieltisch sitzt. Vom großen Coup und dem Mastermind dahinter bleibt nur noch eine romantische Pose zurück. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19.1.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh
  • Ein alter Spieler an seinem angestammten Ort: Nick Nolte in Neil Jordans "The Good Thief".
    foto: polyfilm

    Ein alter Spieler an seinem angestammten Ort: Nick Nolte in Neil Jordans "The Good Thief".

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    foto: polyfilm
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