"Paycheck": Erinnerungsarbeit eines einfachen Angestellten

15. Juli 2004, 12:03
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Um ein Millionengeschäft betrogen, an das er keine Erinnerungen mehr hat: Ben Affleck in "Paycheck" von Regisseur John Woo

Um ein Millionengeschäft betrogen, an das er keine Erinnerungen mehr hat, findet sich Ben Affleck in "Paycheck" in einem typischen Philip-K.-Dick-Szenario wieder, das Regisseur John Woo sehr formelhaft umsetzt.


Nach getaner Arbeit wird die Erinnerung gelöscht, ausgetauscht gegen erquickliche Urlaubsmotive: Die Grundidee aus Paycheck - basierend auf einer Kurzgeschichte des US-Sciencefiction-Autors Philip K. Dick aus dem Jahr 1953 - würde einem wohl manch unnötige Alltagssorgen ersparen, wäre nicht zugleich klar, dass sich gerissene Unternehmer ebendiese Technik allzu leicht dienstbar machen könnten.

Dass Mensch nur ist, wer sich erinnert - ein wiederkehrender Topos im Universum Dicks -, dieser weiter führende Gedanke ist Michael Jennings (Ben Affleck) jedenfalls noch nicht gekommen: Er verdient sich sein Einkommen damit, dass er für Konzerne die neueren Technologien des Konkurrenten stiehlt, um das geistige Eigentum sogleich gegen Vergessen - und eben den Gehaltsscheck - einzutauschen.

Ein für Dick geradezu formelhaftes Szenario nimmt seinen Lauf: Jennings erklärt sich bereit, für den Großunternehmer Rethrick (Aaron Eckhart) seinen bisher langwierigsten Auftrag zu übernehmen, nur um sich am Ende um sein Gehalt betrogen zu sehen. Statt der Millionen überreicht man ihm ein Kuvert, darin finden sich zuvorderst völlig nutzlose Alltagsobjekte: ein Haarspray, kleine Metallkugeln, ein Kreuzworträtsel, eine Sonnenbrille . . .

Wo in Steven Spielbergs Minority Report, der ebenso auf einer Vorlage Dicks beruht, Tom Cruise einen Mord verhindern will, den er selbst begehen wird, beginnt sich auch in Paycheck für Ben Affleck eine katastrophische Zukunft abzuzeichnen, die er zwar maßgeblich mitbestimmt hat, an die er sich jedoch kaum erinnern kann: Allein die Gegenstände helfen ihm als Clous - und dienen zugleich als Mittel, mehreren Verfolgern den entscheidenden Schritt voraus zu sein.

Die Taube des Autors

Ein Indiz, das einem in Paycheck indes kaum zu größeren Einsichten verhilft, ist sein Regisseur John Woo, der in letzter Sekunde für Brett Ratner eingesprungen ist: Weder die Umsetzung der routinierten Actionsequenzen, auf die sich der Film gerade in der zweiten Hälfte verlässt, noch die ballistischen Einlagen im Showdown lassen auf die Hand des ehemaligen Hongkong-Thrillerexperten schließen. Bloß eine einsame Taube - ein Lieblingsmotiv Woos - flattert als letzte Spur des Autors durchs Bild.

Anders als in früheren Dick-Adaptionen wird hier das konspirative Geschehen nicht als Allegorie - Überwachungsstaat usw. - bemüht, und die frühe Preisgabe der wahren Realität hinter der scheinbaren lässt kaum Überraschungen zu. Jennings bleibt eine graue Büromaus, die zwar auf der Flucht immer mehr Geschick entfaltet, dabei aber keineswegs hintergründiger wirkt. Im Verein mit seiner einstigen Geliebten, der Biologin Rachel Porter (Uma Thurman, weiter in Kill Bill-Laune) schlägt er sich durch einen Plot, der eigentlich geistige Sprünge erfordern würde.

Actionhandwerk versus  Panik eines um seine Identität betrogenen Subjekts

Paycheck nutzt das SciFi-Szenario eher als beliebiges Setting, das Actionhandwerk erhält darin den Vorzug gegenüber der Panik eines um seine Identität betrogenen Subjekts: Woo und Drehbuchautor Dean Georgaris nehmen Jennings jegliche Ambivalenz, wenn sie ihn zum eindeutigen Opfer einer Verschwörung machen, den ethischen Konflikt dafür aussparen - in einer einzigen Szene werden ihm die Konsequenzen seiner Erfindung bewusst, wenn wieder einmal Atompilze für die Apokalypse herhalten.

Man mag Paycheck zugute halten, dass er zumindest nicht vorgibt, mehr als Konfektionsware zu sein - auch visuell wirken seine flachen, mitunter schlampig ausgeleuchteten Bilder einer gläsernen Metropole wenig elaboriert. Umgekehrt liegt die Qualität von Sciencefiction - einem Genre, das nur allzu oft als Schundliteratur abgetan wurde - gerade darin, aus dem Populären heraus überdenkenswerte Konzepte einer sehr gegenwärtigen Zukunft zu entwickeln: ein Aspekt, der hier eher vernachlässigt wurde.
(DER STANDARD, Printausgabe vom 19.1.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

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"Paychek"@UIP

  • Auf der Flucht vor Feinden, die aus einer vergessenen Vergangenheit kommen ...
    foto: uip

    Auf der Flucht vor Feinden, die aus einer vergessenen Vergangenheit kommen ...

  • ... Ben Affleck wurde in John Woos "Paycheck" nicht nur um sein Gehalt betrogen.
    oto: uip

    ... Ben Affleck wurde in John Woos "Paycheck" nicht nur um sein Gehalt betrogen.

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