Bissiger Berliner Schmäh

18. Jänner 2004, 19:45
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Pigor und Eichhorn: Zwei charmant-bösartige Chansoniers in Wien

Wien - Von spätpubertärem, klavierbegleitetem Salon-Hip-Hop bis zu einer karibisch-philosophischen Nachhilfestunde über Heidegger - "er war der Rastaman unter den Philosophen" - spannen die Berliner Wortwitzartisten Thomas Pigor (Gesang) und Benedikt Eichhorn (Klavier) den Bogen ihres Programms: Das ebenso sympathische wie bösartige Duo erheiterte das Wiener Publikum mit einer bissig-melodiösen Mischung aus Chanson- und Kabarettelementen bis Samstag in der Kulisse. Vom 20. bis 24. Jänner ist Pigor singt und Eichorn darf begleiten - Volumen II, mit dem sie den deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Lied und Chanson gewannen, noch im Niedermair zu sehen.

Mit herzerfrischendem Zynismus gesungen, trifft die Angst vor der Rache des - nicht mit Schönheit gesegneten - betrogenen Ehemannes ("Er sieht aus wie Karadzic") gezielt den Lachnerv.
Thomas Pigor schlüpft vom Gehörnten in die Rolle eines Hitler-Imitators, der "es seit den 1930ern am Arbeitsmarkt in Deutschland sehr schwer" habe, um dann - seine angehende Kahlköpfigkeit mit viel Mühe vor allem Gel versteckend - eine gestrenge Ode an des Führers Duft zu singen: "Riecht männlich dominant - auch nach Schäferhund."

Die beiden Mitbegründer der neuen Berliner Chansonszene beweisen spielend, dass es Platz für intelligentes, espritgeladenes deutsches Musikkabarett gibt, welches auch Österreicher begeistert.

Den Jahrgang 1956 sieht man Pigor, eigentlich diplomierter Chemiker, in keiner Tanzeinlage an. Leider hackt er als Conférencier, um die Pausen zu füllen, auf seinem Kollegen Eichhorn - virtuos am Klavier - herum.

Vermeintlich Zärtlich-Romantisches - "es geht nur um Sex heute Nacht" - gehört auch bei den Berlinern standardmäßig zum Repertoire, Protestbotschaften freilich auch. Gegen den Hass auf deutsche Touristen und die Last der Vergangenheit treten Pigor und Eichhorn etwa in der Nummer "Don't look so alliiert to me!", mit "The Nazis are East, but I am West" an. Und Wörter wie "Rowdy" gehörten sowieso "feminisiert" angesichts "rücksichtsloser, kleiner, dicker Frauen", die in überfüllten Einkaufszenten wahre Breschen durch die Menschenmassen vor den Wühlkörben schlügen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19.1.2004)

Von
Jan Marot
  • Salon-Hip- Hop aus Berlin: Conférencier und Sänger Thomas Pigor (rechts) und Benedikt Eichorn am Klavier (links) überzeugen mit ihren oft bitterbös- 
zynischen Chansons auch in Wien.LinkPigor und Eichhorn
    foto: jens ziehe

    Salon-Hip- Hop aus Berlin: Conférencier und Sänger Thomas Pigor (rechts) und Benedikt Eichorn am Klavier (links) überzeugen mit ihren oft bitterbös- zynischen Chansons auch in Wien.

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    Pigor und Eichhorn

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