Ein rumänisches Kunst(mani)fest

18. Jänner 2004, 20:43
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Rumänischer Samstag an der Staatsoper: die geglückte Wiederaufnahme von George Enescus "Oedipe"

Rumänischer Samstag an der Staatsoper: die geglückte Wiederaufnahme von George Enescus "Oedipe" und rumänische Skulpturen nebst Staatspräsident Ion Iliescu persönlich.


Wien - Sollte Rumäniens Staatspräsident ein Connaisseur des Musiktheaters sein, könnte er seine Heimreise unter dem Eindruck antreten, dass sich mit der Wiener Staatsoper tatsächlich Staat machen lässt. Nicht nur österreichischer, sondern diesfalls auch rumänischer.

Immerhin konnte Iliescu am Ende eines anstrengenden Verhandlungstages, der zu einem guten Teil den Bau eines Etablissements für seine in Österreich weniger segensreich wirkenden Bürger zum Gegenstand hatte, wenigstens auf einige seiner Landsleute mit Recht auch sehr stolz sein. Auf George Enescu, dessen Oedipe in angemessenem szenischem und musikalischem Outfit auf die Bühne der Wiener Staatsoper zurückkehrte.

"Lebendige Brücke"

Vor allem aber auch auf deren Direktor Ioan Holender, den Rumäniens Kulturminister Razvan Theodorescu als "lebendige Brücke" zwischen seinem Land und Österreich bezeichnete. Und einige Ensemblemitglieder haben diese Brücke, wie man dem Besetzungszettel entnehmen konnte, auch schon erfolgreich beschritten.

Im Falle der Produktion dieses Oedipe reicht diese "Brücke" sogar bis Berlin, wo Götz Friedrich das Werk an seiner Staatsoper - in Koproduktion mit jener in Wien - in eigener Inszenierung präsentiert hat, bevor diese vor bald sieben Jahren dann auch hier zu sehen war.

Erfreulicherweise hat diese nichts an der eindringlich klaren Intensität verloren, die sie durch ihre, wenn auch ziemlich textlastige Archaik erzielt. Dass an dieser markanten bis klobigen Bildwelt die Ausstattung von Gottfried Pilz und Isabel Ines Glathar erheblichen Anteil hat, liegt auf der Hand.

Alle Leidenstationen dieses äußerst bedauernswerten mythischen Pechvogels, der für alles, was er anstellt, im Grunde nichts dafür kann, werden in greller Klarheit vorgeführt.
Von seinem Austritt aus dem Schoß seiner Mutter Iokaste, in den er - ohne es zu wissen - nach langer Flucht vor dem Fluch der Götter als inzestuöser Gemahl wieder zurückkehrt, bis zu seinem Ende in trübseliger Friedlichkeit lässt Friedrich den Betrachter über nichts im Unklaren. Ganz im Gegenteil, er wartet sogar mit einer mythologischen Fleißaufgabe auf.

Im Schlussbild hat Antigone, die ihren Vater Ödipus auf seinen Wanderungen begleitet, ein Baby an der Brust. Offenbar hat der selige Götz Friedrich wohl zu viel Wagner inszeniert und sich vielleicht gedacht, wenn Ödipus schon mit seiner Mutter seine eigenen Brüder und Schwestern zeugt, dann muss ein ihm von der Tochter geborenes Enkerl doch auch noch drin sein. So hat dies Librettist Edmond Fleg wohl nicht gemeint und Enescu schon gar nicht.

Wohl aber zeigt sich die bei der ersten Begegnung mit dieser Produktion störende auratische Differenz zwischen Musik und Szene diesmal gemildert.

Das dürfte Michael Boder, dem Dirigenten dieser Aufführungsserie, zu danken sein. Anders als sein um detaillierende Analyse von Enescus vielschichtiger Musik bemühter Pultvorgänger Michael Gielen bemüht sich Boder stärker, mit den wuchtig gebauten szenischen Vorgängen klanglich gleichzuziehen. Wenn auch auf Kosten der nervösen Vielstimmigkeit, die Enescu auch in Augenblicken stärkster Emphase niemals zugunsten platter Einfachheit aufgibt.


Perfektes Ensemble

Getragen wird diese ganze Oedipe-Produktion von der hohen Qualität des Ensembles, das der deklamatorischen Expressivität des französischen Textes ohne eine Schwachstelle gerecht wird.

Esa Ruuttunen fiel mit der Gestaltung der Titelpartie naturgemäß die schwierigste Aufgabe zu. Wohl passte sich der Staatsoperndebütant dem holzschnittartigen Ausdrucksvokabular an, vermochte aber seine Gestalt darüber hinaus doch auch hör-und sichtbar mit einem poetischen Hauch von persönlicher Melancholie zu versehen.

Mit Marjana Lipovseks luxuriöser Stimme der Sphinx, Mihaela Ungureanu als Merope, Margareta Hinterreiner als Jokaste sowie Alexandru Moisiuc, Peter Weber und Adrian Eröd in weiteren größeren Partien hatte das Publikum hinreichend Gründe für herzlichen Beifall. (DER STANDARD, Printausgabe vom 19.1.2004)

Von
Peter Vujica
  • Taufe auf Altgriechisch: Klein Ödipus in den Händen des Hohen Priesters in Enescus "Oedipe" an der Staatsoper.
    foto: standard/wiener staatsoper gmbh / axel zeininger

    Taufe auf Altgriechisch: Klein Ödipus in den Händen des Hohen Priesters in Enescus "Oedipe" an der Staatsoper.

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