Im eng geknüpften Netz der Netzwerke

25. Jänner 2004, 16:47
posten

Die virtuelle Welt als Wille, Vorstellung und Realität - Was ist eigentlich drin, "inside the Web?"

Was sind Netzwerke, wie funktionieren sie, wer baut sie auf, wer benützt sie, welche Hegemonien entwickeln sie, was bedeutet Vernetzung auf medialem Gebiet, produzieren Netzwerke neue Eliten oder sind sie, ganz im Gegenteil, eben nicht-elitär, was bedeutet Bewegung im Netz, und grundsätzlich: Was ist eigentlich drin, "inside the Web?"

Das Netz

Mit diesen - grob umrissen - grundsätzlichen Fragen einer gar nicht mehr so neuen Technologie und Kulturtechnik beschäftigte sich vergangenen Dezember eine der spannendsten und aufregendsten Veranstaltungen der internationalen Szene. Auf Einladung der österreichischen Internet-Plattform "Kakanien revisited", die vom Wissenschaftsministerium und von der Wiener Universität unterstützt wird, sowie dem "Austrian Science and Research Liaison Office" (ASRLO) Budapest trafen sich rund 90 Wissenschafter und Wissenschafterinnen aus aller Welt in der ungarischen Hauptstadt, um das Netz in jeder nur denkmöglichen Weise theoretisch aufzudröseln.

14 Panels

Die Struktur der dreitägigen Veranstaltung entsprach vereinfacht der komplizierteren des untersuchten Gegenstands: In 14 inhaltlich unterschiedlichen Panels erläuterten Gruppen von vier bis maximal sieben Fachleuten die Probleme ihrer speziellen Forschungsgebiete, die dann wieder in Panelberichten einer breiteren Debatte unterzogen wurden. Wie verschieden Webart und Haltbarkeit der Knoten waren, die in diesem Netz geknüpft wurden, darf anhand einer kleinen Auswahl nachgezeichnet werden, die der Intensität der Netz-Arbeit natürlich nur unzureichend gerecht werden kann.

"Ontologie des Virtuellen"

Mit der "Ontologie des Virtuellen" beschäftigte sich beispielsweise der österreichische Medientheoretiker Marc Riess. Er versuchte ein Verständnis der Virtualität von Netzwerken zu entwickeln, das diese als "Prozess der Verräumlichung" begreift, in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nicht nacheinander, sondern nebeneinander existieren. An seine Frage, ob diese Prozesse auch auf de-historisierende Projekte anwendbar sind, ließen sich trefflich Analysen über die Kooperation zwischen Netzwerken anknüpfen, aus denen vor allem jene der bulgarischen Historikerin Anelia Kasbova-Dintcheva herausstach: Sie entrollte mit der Frage, ob kulturwissenschaftliche Netzwerke den Weg zum Pluralismus oder zur "Tribalisierung" der Wissenschaft ebnen, den Ariadnefaden der internen Debatten.

"Networking"

Was als "Networking" um 1900 im Schwang war, stellten unter anderem der kalifornische Literaturwissenschafter Donald Daviau mit einem Abriss über Hermann Bahrs kulturpolitische Aktivitäten, Winfried Kudszus mit seiner Untersuchung über Freuds Psychoanalyse im Netzwerk zwischen Paris und Wien sowie die ungarische Germanistin Magdolna Orosz mit einer Studie über die Vernetzung der deutschen Romantiker dar.

"Instrument, die globale Welt zu erreichen"

Welche Verhältnisse sich zwischen Netzwerken und Hegemonien entwickeln, wurde im Panel erläutert, das von Béla Rásky, dem Leiter des Budapester ASRLO-Büros und Mitveranstalter des Symposions, gechairt wurde. Dabei ging es etwa um Illusion und Realität feministischer Netzwerke, um Netzwerke als "Instrument, die globale Welt zu erreichen" (am Beispiel Bulgariens) oder um Netzwerke als Modelle zur Intervention im Hinblick auf gesellschaftliche Prozesse - also um die Frage, ob Cyberspace und Cyberworld an ähnlich hehren Idealen wie der Buchdruck, die Enzyklopädien oder Radio und TV als nachhaltiger Gestalter sozialer Einheiten scheitern müssen.

Einfluss auf Machtverhältnisse der "realen" Welt

Im von Peter Plener, einem der Hauptverantwortlichen der Veranstaltung, beaufsichtigten Panel wurde der Blick ins Innere des Netzes geleitet: Der ungarische Medienwissenschafter Balázs Bódo erörterte regulative Aspekte der neuen Medien und warf die Frage auf, wie die traditionellen Mittel staatlicher Kontrolle in der digitalen Welt wirksam werden und welchen Einfluss Hard- und Softwaremonopole auf die Machtverhältnisse der "realen" Welt auszuüben beginnen. Die Berliner Historikerin Gabriele Jancke schlug dann wieder den Bogen zurück in eine Vergangenheit, die ihre elitären Vernetzungen weniger theoretisch fundiert als pragmatisch betrieb: Janckes Referat über Patronage-Netzwerke frühneuzeitlicher Gelehrter, die sie anhand autobiografischer Texte darstellte, entwickelte ein aufregendes Bild des wissenschaftlichen Lebens im 16. Jahrhundert, das bereits unserem heutigen nicht unähnliche Praktiken kannte - im Zugang zu Netzwerken, der Entwicklung von Machtverhältnissen, dem Wechsel der Patronagen sowie der Verpflichtung ihrer Mitglieder hinsichtlich der Ressourcen und der zeitlichen Dauer.

"Was haben Mafia, moderne Logistik und der wissenschaftliche Nachwuchs gemeinsam"

Wie (akademische) Lebensläufe als Erzählungen von Verknotungen heute funktionieren, wie ihre Akteure sich darin selbst als handelndes Subjekt erfinden, zeigte die Wiener Germanistin und Kulturwissenschafterin Karin Harrasser im Panel über Mediologie, das ihre Kollegin Else Rieger mit der Frage "Was haben Mafia, moderne Logistik und der wissenschaftliche Nachwuchs gemeinsam" in erfrischender Provokation bereicherte.

Vor allem auf Riegers Frage wäre man versucht zu antworten: offensichtlich auch oberflächlich mehr, als einem lieb sein kann. Denn in eigener, institutioneller Sache war dieser Auftritt der Netzwerker in Ungarn der letzte dieser Form. Mit 31. Dezember wurde mit der Zweigstelle Budapest die Schließung der ASRLO-Büros, die vormals als Außenstellen des Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Institutes firmierten, begonnen. Bis März sollen alle restlichen Büros dicht gemacht werden. Das Panel 13 der Veranstaltung, "Netzwerke bauen", hat also ungewollt selbstreferentielle Züge bekommen. (Der Standard Printausgabe, 17/18.1.2003, Samo Kobenter)

Share if you care.