Verheerender Anschlag in Bagdad

20. Jänner 2004, 18:37
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20 Tote und 60 Verletzte bei schwerstem Attentat seit der Festnahme Saddam Husseins - Irakische Helfer der USA als Ziel

Bei einem Selbstmordattentat vor dem Hauptsitz der US-Verwaltung in Bagdad sind mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen, 60 weitere wurden verletzt. "Die Amerikaner schützen nur sich selbst, für die Iraker tun sie nichts", klagen Überlebende.

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Der irakische Widerstand hat am Sonntag erstmals ganz gezielt eine ungeschützte Menschenmenge angegriffen. Ein Selbstmordattentäter jagte sich in seinem Geländewagen mit einer halben Tonne Sprengstoff vor dem Haupttor der US-Zivilverwaltung in Bagdad in die Luft. Dort stehen jeden Morgen an die Hundert irakische Hilfsarbeiter Schlange, um durchsucht und in die "grüne Zone" - das Areal der US-Verwaltung (siehe Grafik) - eingelassen zu werden.

Mindestens 20 Menschen starben, über 60 wurden zum Teil schwer verletzt. Nach der Explosion spielten sich apokalyptische Szenen ab. Autos standen in Flammen, blutüberströmte Menschen wanden sich am Boden. Hilferufe gellten. Rettungswägen konnten sich anfangs keinen Weg durch das Chaos bahnen. Fahrer von vorbeifahrenden Privatautos nahmen Verletzte auf und brachten sie in Krankenhäuser.

Blut am Kragen

Der 25-jährige Hamid Chawam überlebte mit leichten Kopfverletzungen. Zwei Stunden später ist er immer noch geschockt. Notärzte haben ihnm den Kopf verbunden, etwas getrocknetes Blut klebt noch am Kragen. Schaulustige und Reporter umringen ihn auf der Jumurija-Brücke, 100 Meter entfernt vom Schauplatz des Anschlags, den die Amerikaner inzwischen hermetisch abgesperrt haben.

Wie jeden Morgen stand er am Nordtor - von den Amerikanern wegen seines historisierenden Torbogens auch "Assassins' Gate" genannt. "Ich hörte einen lauten Knall und fiel zu Boden", berichtet er. Danach erlebte er die Szenerie aus Blut, Tod und Chaos.

Chawam ist kein Bagdader, sondern ein Schiite aus Babel, 80 Kilometer südlich von Bagdad. Vor zehn Tagen hat er den Job als Putzhilfe und Träger bei den Amerikanern angenommen. 5000 Dinar (drei Euro) verdient er damit am Tag, damit muss er seine Frau und zwei Kinder durchbringen. Im Süden ist Arbeit rar, und wie er standen auch viele andere Hilfsarbeiter aus Städten wie Hilla, Najaf und Kerbala Sonntagfrüh vor dem Nordtor.

Doch für Chawam ist jetzt Schluss. "Hierher werde ich nie wieder kommen", stammelt er, noch sichtlich unter dem Einfluss der schockierenden Erlebnisse. "Nicht einmal nach Bagdad werde ich kommen." Andere Überlebende und Passanten tauschen Gerüchte aus - diese laufen schnell darauf hinaus, dass es natürlich die Amerikaner selbst gewesen wären. Wieder andere stellen die berechtigte Frage nach der Verantwortung der Besatzungsmacht, die diese für jene Iraker hat, die für sie arbeiten.

"Sie schützen nur sich selbst, für die Iraker tun sie nichts", sagt der 28-jährige Ziad, der in der "grünen Zone" als Übersetzer für die Amerikaner arbeitet. "Wie oft habe ich es ihnen da drinnen schon gesagt: Diese Warteschlangen vor den Toren sind gefährlich." Ziad, dessen Dienst später beginnt, hatte Glück, dass er zum Zeitpunkt des Anschlags noch nicht da war. Dass sich die Amerikaner hinter den hohen Mauern und Wachtürmen ihrer "grünen Zone" verschanzen und die wartenden Iraker draußen im Regen stehen lassen, verletzt sein Gerechtigkeitsempfinden. "Das ist einfach nicht fair. Eigentlich sollten wir gleichwertig sein."

Vorrang für Soldaten

Genau auf diesen Schwachpunkt haben die unbekannten Attentäter am Sonntag mit ihrem menschenverachtenden Terrorangriff gezielt. Dass ein irakisches Menschenleben längst nicht so viel zählt wie ein amerikanisches, haben die Amerikaner allerdings von Anfang erkennen lassen. Irakische Zivilisten, die bei Aktionen des US-Militärs umkommen, werden nicht gezählt, die entsprechenden Vorfälle kaum untersucht. "force protection" - der Schutz des Lebens der eigenen Soldaten - genießt bei der Besatzungsmacht unumschränkten Vorrang. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2004)

Gregor Mayer aus Bagdad
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    Der Attentäter zündete den Sprengsatz in unmittelbarer Nähe einer Menschen- menge, die Detonation der 500-Kilo- Bombe zerstörte den Einlass in die "grüne Zone".

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    Dutzende Verletzte wurden von Privatleuten in Krankenhäuser gebracht, Rettungswagen drangen zunächst kaum zum Ort des Anschlages durch.

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