"Terrorprotokoll" macht Angst

20. Jänner 2004, 16:48
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Sprecher des Innenministeriums über potenzielle Terrorverdächtige, die in Österreich leben und Treffen abhalten könnten: Keine Beweise

Ein Abhörprotokoll beunruhigt seit Monaten Österreich: Potenzielle Terrorverdächtige könnten hier leben und konspirative Treffen abhalten. Keine Gefahr, versichern allerdings die Spitzen des Sicherheitsapparates. Unter Beobachtung steht die Szene seit langer Zeit.

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Wien - Ein "ideales Land für den Informationsaustausch": So beschrieb ein in Italien am Telefon abgehörter Terrorverdächtiger seinem Gesprächspartner die Lage in Österreich. Man könne sich "ungestört mit den Brüdern treffen", es sei "alles ganz einfach", auch in Polen und anderen osteuropäischen Ländern.

Schlüsselfigur

Dieses Gesprächsprotokoll, aufgenommen im Juni 2003 in Mailand, sorgt seit seiner erstmaligen Veröffentlichung im STANDARD am 1. Dezember des Vorjahres für Unruhe in Österreich. Die heimischen Behörden sehen das Land jedoch nicht als Ruheraum für Terroristen, auch nicht als eine Art Aufmarschplatz oder als Finanzplatz.

Abgehört wurde in Mailand der algerische Staatsbürger Abderrazak Mahdjoub. Von ihm stammt diese Einschätzung Österreichs als bequemes Versteck. Er gilt als eine Schlüsselfigur im europäischen islamistischen Netzwerk, er wird der Terrorgruppe Ansar al-Islam (Soldaten Gottes) zugerechnet.

Mahjoub wurde mehrfach in Polizeigewahrsam genommen, zuletzt am 28. November des Vorjahres in Hamburg, immer wieder wurde er danach aber wieder freigelassen.

Das zitierte Gespräch kam ans Licht der Öffentlichkeit, nachdem die italienische Polizei im Vorjahr vier Männer verhaftete hatte, denen vorgeworfen wurde, Selbstmordattentäter angeworben zu haben. Die islamistisch-kurdische Organisation Ansar al-Islam wird verdächtigt, Selbstmordattentäter aus Europa in den Irak geschleust zu haben. Ihr werden auch Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida von Osama Bin Laden nachgesagt.

Festnahmen in Österreich, die sich aus diesem Gespräch oder einem später aus Italien übermittelten, sich darauf beziehenden Rechtshilfeersuchen ergeben hätten, sind nicht bekannt. Ein aktuelles Bedrohungsszenario leiten die Sicherheitsbehörden für Österreich daraus eben auch nicht ab. Wenn das Ermittlungsersuchen aus Mailand auch "sehr ernst genommen" wird, wie man versichert.

Es gibt "keinen Verdacht, dass in Österreich etwas geplant ist oder war oder etwas von Österreich gegen das Ausland ausgeht - im Gegensatz zu vielen anderen Weltgegenden": So beurteilte der Generaldirektor für die Öffentliche Sicherheit, Erik Buxbaum, aus aktuellem Anlass vor wenigen Tagen die Lage.

Es gebe kein einziges Erkenntnis, dass Menschen in Österreich direkt oder indirekt terroristische Aktivitäten entwickeln, formulierte der Sicherheitschef.

Hunderte Hinweise

Unter Beobachtung stehen Personen, die mit islamistischen Zielen in Verbindung gebracht werden können, dabei seit langer Zeit. Seit den Anschlägen vom 11. September in New York beschäftigten die österreichische Polizei inzwischen fast tausend Hinweise auf verdächtige Aktivitäten. Besonderes Augenmerk schenken die verdeckten Ermittler naturgemäß den Moscheen. Etwa 200 muslimische Gebetshäuser soll es in Österreich geben, sie sind häufig in Privatwohnungen untergebracht.

Die Gruppe der Personen, denen erhöhtes polizeiliches Augenmerk zuteil wird, dürfte überschaubar sein. Detailauskünfte geben die Fahnder selbstverständlich nicht. Inoffiziell werden 50 Personen als eventuell in Verbindung mit islamistischen Fundamentalisten stehend geführt. Größer war die Gruppe möglicher Verdächtiger auch in der jüngeren Vergangenheit nicht.

Schon im Mai 2002 wurde in Deutschland ein Geheimbericht bekannt, aus dem zu entnehmen ist, dass Extremisten, Mitglieder der Al-Kaida, über Österreich nach Europa eingeschleust worden sein sollen. Damals war von 29 Al-Kaida-Männern die Rede, die sich in Österreich aufgehalten haben sollen. Konkretisiert hat sich der Verdacht allerdings nicht - die mutmaßlichen Islamisten sollen Österreich über die grüne Grenze verlassen haben. (red/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.2004)

  • Terror-Protokoll: Laut Innenministerium bestehe keine Gefahr
    montag: derstandard.at

    Terror-Protokoll: Laut Innenministerium bestehe keine Gefahr

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