Gerettete Erinnerung

18. Jänner 2004, 18:00
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Im Dokumentarfilm "Vom Leben und Überleben" machen sechs Überlebende des Frauen-KZs Ravensbrück frauenspezifische Geschichte sichtbar

Was hat die angebliche Schönheit der Polinnen mit den an ihnen begangenen Folterungen während des Nazi-Regimes zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts, oder zumindest nichts mit dem, was über den Holocaust in unseren Lehr- und Schulbüchern steht. Dennoch, individuelle Lebensgeschichten, Versuche, das selbst erfahrene Greuel verständlich bzw. unverständlich zu machen, zeigen den Holocaust ebenfalls, oder vielmehr die Erinnerung daran.

Die Dokumentation "Vom Leben und Überleben" macht die Zeit des Nationalsozialismus auf diese Weise erfahrbar. In dem von Gerda Klingenböck und Bernadette Dewald bearbeiteten Film kommen sechs österreichische Zeitzeuginnen des Nationalsozialismus zu Wort und... zur Erinnerung. In überarbeiteter Form wird der Film nun erstmals ab Freitag, den 23. Jänner 2004 im Wiener Filmcasino gezeigt.

Entstehung

Voraussetzung für den "hybriden Film", wie ihn Gerda Klingenböck auch nennt, war die wissenschaftliche Arbeit des Instituts für Konfliktforschung in Wien, das 34 Langzeitinterviews mit in Österreich ansässigen Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück durchführte. Neben einer Publikation wurde durch das gesammelte (Video-)Material auch eine Ausstellung möglich, die gemeinsam mit der Lagergemeinschaft Ravensbrück (einer österreichischen Vereinigung der Überlebenden von Ravensbrück) konzipiert wurde und mehrere Jahre in Österreich als Wanderausstellung unterwegs war.

Dokumentarfilm

Als weiteres Folgeprojekt entstand schließlich auch "Vom Leben und Überleben". Die Filmemacherinnen fokussierten ihren Blick auf sechs Einzelschicksale, die sie auf zurückhaltenden Weise zu einem Dokumentarfilm verdichteten. Wichtig war ihnen dabei, einen Querschnitt der in Österreich während des NS-Regimes verfolgten Gruppen zu präsentieren. Die Wahl fiel schließlich auf Antonia Bruha (Wiener Tschechin und Wiederstandskämpferin), Regine Chum (Wiederstandskämpferin und als sogenannte "Halbjüdin" rassistisch Verfolgte), Katharina Thaller (Zeugin Jehovas), Aloisia Hofinger (verliebte sich in einen polnischen Zwangsarbeiter), Rosa Winter (Sintezza) und Helene Igerc (slowenische Bäuerin).

In "Vom Leben und Überleben" erzählen die Frauen in scharfen Bildern ihr Aufwachsen in der Vorkriegszeit, die Eindrücke beim Anschluss 1938, die Zeit der Verhaftung und die Deportation in das KZ Ravensbrück. Doch dort hört der biographische Ansatz der Dokumentation nicht auf: Die Frauen schildern auch das Heimkommen, das Chaos, die Stigmatisierung von jenen, die "aus dem Lager" kamen. Einige engagierten sich nach kurzer Zeit auch wieder politisch, meist getragen von der Idee, der Welt von dieser "Hölle auf Erden" zu berichten.

Kampf um Erinnerung

Wer sich woran erinnert und erinnern darf, auch darum geht es in "Vom Leben und Überleben". Denn frauenspezifische Erfahrungen fanden bis jetzt wenig Eingang in die Darstellung des Nationalsozialismus. Dabei machen die Schilderungen von sexueller Gewalt, Geburt im Lager, Menstruation, Verraten werden, Verliebtsein, aber auch von Widerstand und Solidarität unter Frauen, gerade eine Begreifung des Holocausts möglich, wie sie allein durch faktische Zahlen nicht möglich wäre. Die Lagergemeinschaft Ravensbrück wusste um diesen weiblichen "Erfahrungsschatz" und wandte sich an eine jüngere Generation von Frauen, die ihre Erlebnisse archivierten. "Wer sich erinnern darf, darum ist in den letzten Jahren aufgrund des allmählichen Aussterbens der Generation ein regelrechter Kampf entbrannt", so Gerda Klingenböck. "Wir wollten diesen Frauen eine Stimme geben".

Ankündigungen

Am Freitag, den 23. Jänner startet "Vom Leben und Überleben" im Wiener Filmcasino. Am 25. Jänner bietet sich die einmalige Gelegenheit, die Frauen aus dem Film im Rahmen einer Matinée (12 Uhr im Wiener Filmcasino) live zu erleben. Die Historikerin Erika Weinzierl wird einleitende Worte sprechen.

Von 30.1.-5.2.2004 wird der Film im Linzer Moviemento gezeigt, auch der Cinematograph in Innsbruck wird den Film im Februar eine Woche zeigen. (freu)

  • Video-Still aus "Vom Leben und Überleben"Im Bild: Regine Chum
    Video-Still aus "Vom Leben und Überleben"
    Im Bild: Regine Chum
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