Ameisengerechte Pflanzensamen

18. Jänner 2004, 14:30
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"Koevolution" bewiesen: Exakt aufeinander abgestimmte Entwicklung

Pflanzen sind, wie alle anderen Lebewesen auch, darauf angelegt, möglichst viele Nachkommen - in diesem Fall Samen - zu erzeugen. Allerdings sollten sich diese möglichst weit weg von der Mutter ansiedeln, um nicht mit ihr in Konkurrenz zu treten. Unter den verschiedenen Möglichkeiten, wie Pflanzensamen verbreitet werden, ist eine der spannendsten die "Myrmekochorie", die Verbreitung durch Ameisen. Das Phänomen ist vor allem auf der Südhalbkugel zu beobachten, aber auch hierzulande ist es durchaus kein Einzelfall. Rund 150 mitteleuropäische Arten sind myrmekochor - mehr als die Hälfte davon kommt auch in Österreich vor, darunter so bekannte wie Schneeglöckchen, Leberblümchen und Veilchen.

Samen (im Bild eine Elektronenmikroskopische Aufnahme), die durch Ameisen verbreitet werden, tragen fettreiche Anhängsel, so genannte Fettkörperchen oder Elaiosomen, deren einziger Zweck es ist, von Ameisen gefressen zu werden. Dazu schleppen die Insekten Anhängsel plus Samen in ihren Bau, und der kann ganz schön weit weg sein und bietet immer noch gute Bedingungen für die Keimung der Samen.

Veronika Mayer vom Institut für Botanik der Universität Wien hat 15 einheimische Myrmekochore unter die Lupe genommen. Als Erste führten sie und ihre Arbeitsgruppe im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds gesponserten Projektes bei vielen Pflanzenarten Vergleiche zwischen Elaiosomen und Samen durch. Dabei interessierten sich die Botaniker vor allem für die chemische Zusammensetzung beider Teile und inwieweit die Inhaltsstoffe der Elaiosomen an die Bedürfnisse der Ameisen angepasst sind.

Wie sich herausstellte, enthalten die Ölkörperchen mehr frei verfügbare Aminosäuren und essenzielle Fettsäuren als Samen - Inhaltsstoffe, die rasch verwertet werden können und die Elaiosomen vor allem für die Ameisenbrut zu hervorragenden Nahrungsmitteln machen. Dazu kommt, dass die meisten myrmekochoren Arten diese "Babynahrung" schon Ende Mai produzieren - sieben Wochen früher als die meisten Pflanzen, die auf andere Weise verbreitet werden. Zu dieser Zeit sind andere Nahrungsquellen knapp, die Ameisen haben jedoch schon Nachwuchs zu versorgen, und da kommen ihnen die Elaiosomen gerade recht.

Das Reifen der Myrmekochoren in diesem "Frühsommerloch" ist offenbar eine direkte Anpassung an die Ameisen, denn es ließ sich kein anderer Einfluss auf den Reifungszeitpunkt feststellen. Auch nahe verwandte, aber anders verbreitete Pflanzenarten fruchten nicht so früh. Die Samen selbst sind gewöhnlich so hart und/oder glatt, dass die Ameisen ihnen nichts anhaben können, deshalb befördern die Insekten sie auf ihre Müllplätze. Diese können ober-oder unterirdisch liegen - und siehe da: Im Unterschied zu den Samen vieler anderer Pflanzenarten, die eine deutliche Vorliebe für bestimmte Lichtverhältnisse aufweisen, keimen Myrmekochoren-Samen, wie eine Diplomandin von Mayer zeigen konnte, ebenso gut in der Dunkelheit wie im Licht.

Das und vor allem die Inhaltsstoffe der Elaiosomen legen nahe, dass die Pflanzen im Laufe von Jahrmillionen das "Produkt" Samen tatsächlich auf den "Konsumenten" Ameise zugeschneidert haben - in der Fachsprache heißen solch gegenseitige Anpassungen "Koevolution". Und genau diese Hypothese zu überprüfen war Veronika Mayer auch angetreten. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 1. 2004)

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