Die Bestrafung der Körper in Raum und Zeit

18. Jänner 2004, 11:00
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Mit Foucault, Dostojewskij und Kafka lässt sich anders über "Strafe" reden

Vor Vollziehung der Todesstrafe am 7. Jänner 2004 in Fort Worth, Arkansas, erhält der schizophrene Verurteilte Charles Singleton Medikamente, um ihn für die Giftinjektion gesund genug zu machen: Denn nur Delinquenten, "die verstehen, was mit ihnen geschieht", dürfen getötet werden. Bei der Tötung selbst ist, wie bei allen Todesstrafen in den USA, immer ein Arzt zugegen; nicht, um zu retten, sondern um zu gewährleisten, dass die Strafe ohne technische oder chemische Fehler vollzogen wird und der Todeskampf ruhig vonstatten geht.

1788 hatte Cesare Beccaria in seinem für die Reform des Strafwesens bahnbrechenden Werk Über Verbrechen und Strafe kritisch konstatiert: "Wir sehen ja, dass Menschen kaltblütig hingerichtet werden, obgleich der Mord als eine abscheuliche Missetat ausposaunt wird". Er meinte damit das öffentliche Theater der Leibesstrafen, die inszeniert wurden wie 1757 in Paris: Der Henker zwickt den Verurteilten mit glühenden Zangen, reißt Fleischstücke heraus, gießt auf die Wunden Blei, siedendes Öl und Pechharz; dann sind die vier Pferde, die ihn zerreißen sollen, aber zu schwach, sodass man zuvor noch die Sehnen der Schenkel des Verurteilten durchschneiden muss.

Seit der Aufklärung werden Strafen anders vollzogen - primär im Gefängnis, das sich zwischen 1820 und 1850 in Europa durchsetzte. Aber angesichts des Falles in den USA 2004 lässt sich fragen, ob sich die Aufklärung wirklich als befreiende vollzogen hat. Oder ob deren düstere Seite nicht jetzt auf viele andere Weisen strafend in die Körper eindringt. Das war schon vor drei Jahrzehnten die These von Michel Foucault in Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses: Die sichtbare Strafe, so Foucault, nimmt ab, nicht aber subtilere Strafformen, die über Disziplinierungstechniken und Wissen in die Körper eintreten: Statt dem Scharfrichter treten jetzt Ärzte, Priester, Psychiater, Erzieher in Aktion. An die Stelle von Strafen, die den Körper äußerlich grausam zerteilen, wird dieser jetzt von innen her eingeteilt. "Besserung" heißt das neue Straf-Programm - für Michel Foucault ist dieses aber keineswegs "human", sondern verbunden mit der totalen Unterwerfung und Beobachtung in Zeit und Raum: Die Macht des Souveräns, die sich im Spektakel der öffentlichen Hinrichtung demonstrierte, wird ersetzt durch den Eingriff in die "Seele", die Foucault unmetaphysisch definiert als "Bezugspunkt einer Technologie der Macht", die Zeit und Raum aufteilt und in diesem Koordinatennetz die Körper aufmarschieren lässt, vom Gefängnis über das Militär zur Schule und in die Fabrik.

Zwischenbemerkung: Foucaults These, dass sich Justiz und Militär im 19. Jahrhundert vermählen und damit auch die Gewaltenteilung von Gericht und Verwaltung skandalöserweise verschwindet, lässt sich mit einem Blick auf Russland im 19. Jahrhundert bestätigen. Auch dort werden die peinlichen Strafen, also die Leibesstrafen, abgeschafft, die Kontrolle über Zeit und Raum und die Isolierung des Körpers darin aber verschärft - im riesigen Raum Sibiriens. 1849 wird Dostojewskij, zum Tode verurteilt wegen angeblich staatsfeindlicher Aktivitäten, zum Schafott geführt. Zar Nikolaus I. wandelt die Hinrichtung im letzten Moment in eine Verbannung um, das heißt, er greift also auf den Körper in Todesangst zugleich nach "innen" wie nach "außen" hin zu.

Dostojewskij schreibt in seiner vierjährigen Verbannung seine Aufzeichnungen aus einem Totenhause, wo er die Kasernenarchitektur, die Züchtigungen (sie waren, dank Aufklärung, "auf 2000 Stockschläge beschränkt worden"), aber auch die ganze Landschaft als Gefängnis schildert. Dazu immer wieder die Willkür des militärischen Aufsichtspersonals, das die Urteile der Justiz in freiem Ermessen und mit dementsprechend freier und unkontrollierbarer Abstufung der Brutalitäten und Schikanen gegenüber den Verbannten umsetzte. Dabei war dies noch die mildere Form der Aussetzung im Raum, nämlich in Westsibirien; die verschärfte Form der Strafe, nämlich in Ostsibirien, beschrieb ein halbes Jahrhundert darauf Anton Tschechow in seinem dokumentarischen Bericht Die Insel Sachalin: eine Pritsche für vierzig Verbannte, Ungeziefer, Kälte und die Pflicht zur Arbeit, zur Rodung riesiger Waldgebiete. Und dazu unendliche Langeweile, also das Wirken der Zeit.

Im kleineren Rahmen, in den anderen Ländern Europas, wurde die Aussetzung des Körpers in Raum und Zeit anders bewerkstelligt: Für die penible Zeiteinteilung sorgt die Gefängnisordnung, für den Raum eine Architektur der Beaufsichtigung. Die meisten Gefängnisse folgten Jeremy Benthams panoptischer Anlage. Diese gewährleistet die totale Sichtbarkeit: ein Turm in der Mitte, um ihn herum kreisförmig angeordnet die Zellen. Die Macht sollte hier zugleich sichtbar und uneinsehbar sein: "Sichtbar, indem der Häftling ständig die hohe Silhouette des Turms vor Augen hat, uneinsehbar, sofern der Häftling niemals wissen darf, ob er gerade überwacht wird."

Diese Anlage automatisiere, so Foucault, die Macht, denn ihr Prinzip liegt jetzt "in einer konzertierten Anordnung von Körpern, Oberflächen, Lichtern und Blicken." Unterwerfung und Bestrafung gehen hier automatisch aus einer fiktiven Beziehung hervor, sodass man auf Gewaltmittel verzichten kann, um den Verurteilten zum guten Verhalten, den Wahnsinnigen zur Ruhe, den Arbeiter zur Arbeit zu bringen. Das heißt: Die Strafe wird internalisiert. Denn derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht, er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung. Mit diesen - durch viel Empirie belegten - Theorien Michel Foucaults lässt sich auf einem anderen Niveau über "Strafen" reden: Man kommt weg von einer geilen Aufzählung von verschiedenen Strafarten oder Strafsystemen und achtet darauf, wie die Unterwerfung buchstäblich "in alle Fasern" vorangetrieben wird. Auf dieser Ebene liegt zum Beispiel die Genauigkeit, mit der Franz Kafka Macht und Strafe immer wieder thematisiert: Im Schloss-Roman fühlen sich die Dorfbewohner unentwegt von der Macht im Schloss kontrolliert und richten ihr gesamtes Verhalten danach aus; keiner von ihnen aber fragt, ob - wie in Andersens Märchen - der Kaiser "da oben" nicht nackt ist.

Noch expliziter wird die Technologie der Strafe - und die auch von Foucault konstatierte Verbindung von Justiz und Militär - in jener Geschichte, die Kafka in den ersten Monaten des Ersten Weltkrieges schrieb, In der Strafkolonie: Hier wird dem "Forschungsreisenden" eine Maschine vorgeführt, die das Urteil wörtlich in den Körper einschreibt: "Sie sehen, sagte der Offizier, "zweierlei Nadeln in vielfacher Anordnung. Jede lange hat eine kurze neben sich. Die lange schreibt nämlich, und die kurze spritzt Wasser aus, um das Blut abzuwaschen und die Schrift immer klar zu erhalten. Das Blutwasser wird dann hier in kleine Rinnen geleitet". Der Offizier bedauert hier dem Forschungsreisenden gegenüber, dass die Maschine nicht mehr eine solche Anziehung ausübe "wie früher". - Dieses "Früher" wäre vielleicht zu übersetzen in: "Wie in jener Zeit, als die Bestrafung noch als öffentliches Spektakel zelebriert wurde." Inzwischen aber ist das gar nicht mehr nötig, denn die "Disziplin", die - Foucault zufolge - seit der Abschaffung der Leibesstrafen auf das Körperinnere zugriff, hat aus ihnen die Masse der Soldaten geformt, die im Krieg in die Gewehrsalven getrieben werden. Zugleich weist Kafkas Maschine aber auch in die Zukunft: Der Tod ist hier klinisch sauber, fast so rein wie in modernen Todeszellen. Dort fließt auch kein Blut mehr, nur noch Psychopharmaka. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 1. 2004)

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    Charles Singleton

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