Weder Liebe noch Revolution

23. Jänner 2004, 12:51
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Neue chinesische Literatur von Hong Ying: "Die chinesische Geliebte"

Viele der chinesischen Autoren, die ins Deutsche übersetzt wurden, erzählten Geschichten aus der Kulturrevolution. Schreiben, um ein kollektives Trauma zu bewältigen, hat einen therapeutischen Effekt, manchmal wird daraus Literatur (wie "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin von Dai Sijie"). Andere Bücher berichten vom modernen Großstadtleben und der Erosion der politischen Kontrolle; als Stellvertreter der älteren Generation können Wang Shuo oder Hei Ma genannt werden. Jüngere Schriftsteller haben indes den Ballast jeglicher Geschichte abgeworfen und individualiseren sich radikaler.

Hong Ying, Jahrgang 1962, geboren in einem Slum am Yangtse, in den 90er-Jahren nach London ausgewandert, ist in vielerlei Hinsicht eine solitäre Erscheinung. Sie hat nach der obligaten Aufarbeitung ihres persönlichen Schicksals ("Daughter of the River") in ihrem neuen Roman eine ganz andere Bühne betreten. Ihr erstaunlich gewandter Identitätswechsel ist ein dreifacher. Sie schreibt aus der Perspektive eines Mannes, in einem fremden Kulturkreis - und siedelt ihren Roman in einer bereits zur Historie gewordenen Epoche an.

Sie habe "einen Roman geschrieben und keine Biographie" lässt die Autorin im Nachwort verlauten. Aber ihre Figuren sind dennoch realer Bestandteil der europäischen Kulturgeschichte. Julian Bell (1908-1937), der "Held", Sohn von Vanessa Bell, Neffe von Virginia Woolf, hat tatsächlich existiert. Hong Ying schildert seine Zeit an der Universität in Wuhan, wo er englische Literatur unterrichtete und, Gerüchten zufolge, eine chinesische Geliebte hatte. Die Verbindung der beiden ist ein explosiver Tabubruch, denn Lin ist die Frau des Dekans, spröde und doch voller Verlockung. Julian versucht, Lin zu verführen. Die lädt ihn zu einem Peking-Aufenthalt ein und weiht ihn in die Geheimnisse der taoistischen Praxis der Sexualität ein.

Julian kommt der Welt abhanden, gefesselt vom erotischen Reiz seiner Geliebten. In Peking lernt er zudem das Raffinement einer genussfreudigen Kultur in den letzten Stadien ihrer Dekadenz kennen. Die Liebesgeschichte endet tragisch, aus vielerlei Gründen. Auf subtile Weise verschränkt die Autorin die psychologischen kulturellen und politischen Probleme miteinander. Julian ist mit seiner extremen Mutterbindung zu einer Partnerbeziehung nicht fähig. Zudem ist er selbst im europäischen Kontext eine Ausnahmeerscheinung. Als elitärer Salonlinker und Mitglied des legendären Bloomsbury-Kreises ist er in seiner britischen Heimat ein Außenseiter. Aber trotz seiner liberalen Erziehung überkommen ihn Zweifel, wie seine chinesische Geliebte in den intellektuellen Gefilden seiner Tante aufgenommen würde. Lin verkörpert ungeachtet all ihrer Intelligenz den kolonialen männlichen Wunschtraum: die ästhetische, geheimnisvolle Exotin, die erotische Sensationen verspricht, eine Art Trophäe - aber ein gleichwertiger Lebenspartner?

Schließlich besinnt Julian sich wieder auf die Außenwelt und auf seine romantische Vorstellung von Revolution. Sein kläglicher Versuch, sich den Soldaten Maos anzudienen, scheitert. Der theoretische Revolutionär wendet sich entsetzt von den allzu realen Gräueln des Guerillakrieges ab und wiegt sich in der Illusion, in Europa seine Ideale ohne Blutvergießen verwirklichen zu können. Asien ist weder der Platz zu lieben noch der Platz, die Revolution zu verwirklichen, sieht Julian ein.

Hong Ying gibt sich in der Schilderung der erotischen Szenen sehr freizügig. Das verkaufsfördernde Kalkül hatte aber eine unerwartete Nebenwirkung. Denn eine, ebenfalls in England lebende Nachfahrin der möglichen "chinesischen Geliebten" hat in China ein Verbot des Romans durchgesetzt, weil sie ihre Ahnin als "unmoralisch" dargestellt empfand. Die Rufschädigung der Vorfahren ist in China ein rechtlicher Grund, ein Buch auf den Index zu setzen. Die verordnete puritanische Moral der Kommunisten steht historisch gesehen im Gegensatz zu einer anderen, sehr offenen Haltung zum Sex, die ebenfalls die Kultur des alten China mitgeprägt hat. Wir haben es hier also mit zwei Geschichten zu tun: mit einer reizvollen Hypothese, die die Autorin in einem eleganten, nur scheinbar einfach erzählten Roman vor uns ausbreitet, und der Geschichte der Rezeption eines Textes. Hong Ying hat schließlich den Schauplatz und den Namen der Frau geändert, damit das Buch in dieser neuen Version in China erscheinen kann. (Ingeborg Sperl, DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 17./18.1.2004)

Hong Ying
Die chinesische Geliebte
Aus dem Chinesischen von Martin Winter. € 18,50/263 Seiten. Aufbau, Berlin 2004 (Erscheint Ende Februar)
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    foto: buchcover
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