Immer mehr EU-Forscher folgen dem "Ruf der Freiheit"

27. Jänner 2004, 11:53
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"So gut wie keine politischen, religiösen oder ethischen Restriktionen"

In Christoph Lengauers kleinem Labor knallen die Sektkorken. Das erfolgreiche Team rund um den gefeierten österreichischen Krebsforscher hat ein Gen untersucht, das eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Darmkrebs spielt. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden in wenigen Wochen im international renommierten britischen Fachmagazin Nature publiziert.

Doch es ist einmal mehr kein österreichischer Erfolg, auch kein europäischer: Lengauers Labor steht am Campus der Johns Hopkins University in Baltimore. Der Forscher ist, "frustriert von den österreichischen Verhältnissen", vor gut neun Jahren in die USA gegangen. Und wird bleiben. "Weil ich hier im Gegensatz zu den meisten Ländern in Europa großartige Forschungsbedingungen vorfinde, weil hier viele Verantwortliche das Risiko eingehen, mich ohne Restriktionen forschen zu lassen", erklärt Lengauer. "Und weil ich nur ein paar Schritte gehen muss, um einige der besten Wissenschafter zu treffen." Zum Beispiel Bert Vogelstein, für den Nobelpreis nominiert und Mentor des Österreichers.

Lengauer ist einer von vielen heimischen Wissenschaftern, die in die Staaten ausgewandert sind beziehungsweise auswandern. Geschätzte 1500 österreichische Forscher arbeiten derzeit jenseits des Atlantiks (siehe unten). Doch der so genannte Brain-Drain ist keineswegs ein spezifisch österreichisches Problem: Einem Bericht des US-Magazins Time zufolge leben derzeit gut 400.000 europäische Wissenschafter aus allen Disziplinen in den USA, jährlich werden es Tausende mehr - 87.500 waren es allein im Jahr 2000.

Dem gegenüber steht das ehrgeizige Ziel der EU-Mitgliedsstaaten, die Union bis zum Jahr 2010 zum wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zentrum der Welt zu machen. Aber allein die angestrebte Anhebung der Investitionen in Forschung und Entwicklung auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) reicht dazu nicht aus. Denn wenn dieser finanzielle Kraftakt gelingen sollte, müssten bis zum Stichtag auch rund 700.000 zusätzliche Forscher in europäischen Einrichtungen beschäftigt werden. Eine von der EU-Kommission vergangenen November veröffentlichte Studie hat jedoch ergeben, dass lediglich 13 Prozent aller im EU-Ausland arbeitenden europäischen Wissenschafter zu einer Rückkehr zu bewegen wären.

Eine andere Mentalität

Doch was sind die Gründe dafür? Geldmittel? Immerhin haben die Staaten allein im Jahr 2000 mehr als 287 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung gebuttert, also um 121 Milliarden mehr als die gesamte EU - daher haben die USA auch um 78 Prozent mehr Hightech-Patente pro Kopf angemeldet als Europa.

"Nein, es liegt nicht am Geld, sondern an Strukturen und Mentalitäten", analysiert der österreichische Jurist Viktor Mayer-Schönberger, der an der John F. Kennedy School of Government in Harvard forscht, lehrt und "nicht zurückkommen" wird: Junge Wissenschafter in der EU seien in den ersten Jahren "Sklaven" ihrer Vorgesetzten, würden "ausgebeutet". Dies gehe sogar so weit, dass "die eigenen Forschungsergebnisse unter dem Namen der Vorgesetzten als Erstautoren publiziert werden" - auch wenn diese dafür keinen Finger gerührt hätten. "An fast allen europäischen Unis und ganz besonders an österreichischen herrscht ein Feudalismusprinzip, dort ist es überhaupt nicht denkbar, einem jungen Wissenschafter eine Chance zu geben", kritisiert er.

Was ist aber mit dem neuen Universitätsorganisationsgesetz 2002, das in Österreich nun endlich auch eine "Professur auf Zeit" vorsieht, eine Strukturreform, die mit Einführung von "Jungprofessuren" bereits vor ein paar Jahren in Deutschland umgesetzt wurde? "Man hat gesehen, was es bringt", meint Mayer-Schönberger: "Man hat alle Uniassistenten als Professoren pragmatisiert, damit sie sozial abgesichert sind. Völlig egal, ob sie geeignet waren oder nicht. Damit sind in Deutschland Professorenstellen für rund 20 Jahre mit teils ungenügend qualifizierten Personen besetzt. Das heißt: Stillstand." Ähnliches könnte auch Österreich blühen.

Martin Nowak sieht das ein wenig anders: "Ich bin der Ansicht, dass es ganz fantastische Forschungsinstitute und Wissenschafter nicht nur in Österreich, sondern in allen EU-Ländern gibt", sagt der österreichische Biomathematiker, der vor wenigen Wochen von der Princeton University nach Harvard ging und dort ein eigenes Institut aufbaut - ausgestattet mit einem Budget von 30 Millionen US-Dollar.

Doch liege die Stärke der USA tatsächlich darin, "dass man jungen Leuten einfach mehr Chancen bietet". So könne man in den Staaten sogar "eine akademischen Karriere unabhängig von einer Lehranstellung an einer Uni machen". In Österreich und der EU fände man stattdessen hindernde Strukturen und überbordenden Bürokratismus. Wenn man alleine für die Anschaffung eines gebrauchten Computers ein vierseitiges Antragsformular ausfüllen müsse, um dieses dann wegen eines Formalfehlers in Spalte 98 unten links als abgelehnt retourniert zu bekommen, sei das nicht gerade ermutigend.

Nach dem Doktorrat in Wien war es für Nowak jedenfalls klar, "dass ich ins Ausland gehen muss". Am meisten begeistert den österreichischen Wissenschafter in den USA "die Freiheit beim Forschen". Es gebe so gut wie keine politischen, religiösen oder ethischen Restriktionen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 1. 2004)

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