Klangarchäologie der Moderne

22. Jänner 2004, 19:39
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Frühes von Stockhausen im Wiener Konzerthaus

Wien - Wer angesichts des Titels der Konzerthausreihe - Nouvelles Aventures - an György Ligetis frühes Musiktheater gedacht haben mochte, irrte. Wenn auch nicht ganz. Denn es war altes Neues von Karlheinz Stockhausen angesagt. Und das war und ist noch immer abenteuerlich genug.

Als Klangarchäologie der Moderne könnte man die Erinnerung an fünf Hits nennen, mit denen Stockhause in den 50er-Jahren zunächst in elitären Zirkeln Aufsehen erregte.

Heute kriegt man mit dem elektronischen gefertigten Gesang der Jünglinge, dem Zyklus für einen Schlagzeuger, den Klavierstücken IX und XI immerhin den Neuen Saal im Souterrain des Konzerthauses üppig voll. Und dies so anhaltend, dass es nach dieser sperrigen ersten Halbzeit kaum eine(n) gab, der/die den Kontakt mit den folgenden 40-minütigen Kontakten samt all ihren fast tektonischen Klangeruptionen scheute.

Ein erheblicher Anteil an dieser kollektiven Faszination geht zweifellos auf das Konto der zur Konzentration zwingenden Wiedergabe durch drei überaus kompetente Novizen innerhalb der mitsamt ihrem 75-jährigen Meister nun auch schon senioralen Stockhausen-Gemeinde.

Sowohl der Pianist Benjamin Kobler als auch der Schlagzeuger Michael Pattmann haben die Gabe, sich in jenen hellwachen Trancezustand zu versetzen, außerhalb dessen man Stockhausens von seinem gegenwärtigen Mystizismus fernem Frühwerk nicht gerecht werden kann.

Denn Stockhausens frühe Musik ist eigentlich nichts als die bald stärker, bald weniger, bald gar nicht geordnete Bündelung von Einsamkeiten, Vereinzelungen. Im Entstehen auch schon wieder vergehend. Einmal mit Donnern, einmal mit Schreien, dann wieder nur röchelnd und flüsternd.

Durch variable Spielabläufe kommt es immer wieder zu neuen Gruppierungen der Ereignisse, aus denen sich - wie etwa in den Kontakten - so etwas wie an sinfonische Sätze erinnernde Großformen heraushören lassen.

Für die stimmige Mixtur zwischen Instrumentalklang und Elektronik sorgte Bryan J. Wolf, der mit Dezibel-Tonnagen nicht geizte. Sodass der im Programmheft aufscheinende Werbeslogan "vom Ohrenschmaus zum Gaumenkitzel", mit dem der im Konzerthaus nistende Restaurateur in sein Etablissement lockt, mit einer kulinarischen Umsetzung von Stockhauses Frühwerk vielleicht doch nicht wirklich Ernst machte. (DER STANDARD, printausgabe vom 17./18.1.2004)

Von
Peter Vujica

Wiener Konzerthaus<7a>

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