Theatralisches Kleisterrühren

20. Jänner 2004, 19:11
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Die Kulturpolitik bedenkt den Tanz oft mit Theateretiketten - es stellt sich die Frage nach dem Eigensinn einer Sparte

Wien - Im Wartezimmer des Lebens rast die Zeit dahin. Wer darin auf seinem Sessel kleben bleibt, wird schnell überrollt. Die Folgen: einige komische Verrenkungen und indigniertes Hinterherstieren. Das thematisiert die Choreografin Loulou Omer mit ihrem neuen Stück Salle d'attentes derzeit im Wiener Schauspielhaus. Und es betrifft nicht nur sie selbst, sondern auch die Theater- und Tanzpolitik in der Bundeshauptstadt.

Das Schauspielhaus präsentiert mit Salle d'attentes bereits die zweite schwache Choreografie in diesem noch jungen Jahr. Schon bei der ersten, Wrestling Dostojevski von der Gruppe Betontanc unter Matjaz Pograjc aus Ljubljana, zeigte sich, wie schwer es - auch - für ambitionierte Theatermenschen ist, guten Tanz zu kuratieren.

Sowohl Omer als auch Pograjc arbeiten mit theatralischen Mitteln. Nur wenigen Tanzschaffenden wie Pina Bausch gelang die Verschmelzung der Genres. Schon Hans Kresnik wirkt nur noch als Fossil, selbst Meg Stuarts Werk schwächelt, sobald darin geschauspielert wird, und in Jan Fabres Alchemistenwerkstatt kracht es dort, wo der Regisseur den Choreografen flachlegt, am lautesten.

Das Tanztheater ist während der 90er ältlich geworden. In der Theaterstadt Wien tut man sich mit dem Tanz als eigenständiger Kunstform noch immer schwer. Das zeigte sich an der Freude des Kulturstadtrats über die Studie zur Theaterreform, die deutlich die Handschrift des Theatermannes Uwe Mattheiß trägt. Einem von Vertretern der Tanzszene erarbeiteten Diskussionspapier hat Mailath-Pokorny weniger Gehör geschenkt. Noch offensichtlicher werden die Akzeptanzprobleme im "Leitbild zur Theaterreform", das jüngst im Gemeinderat beschlossen wurde. Dort ist ein Bekenntnis zu "spartenübergreifenden Konzepten" festgeschrieben: Es gehe nicht darum, Gewichtungen "zulasten einer Sparte zu verschieben".

Zugleich wird aber das Tanzquartier (TQW) als einzige Wiener Institution, die definitiv dem Tanz zugeeignet ist, in die neue Vierjahres-Konzeptförderung hineinmanövriert. Eine planungsperspektivische Einschränkung, die etwa dem Volkstheater oder dem Theater an der Josefstadt nicht zuteil wurde. Kein Wunder, wird doch das TQW in dem Leitbild in einem Atemzug mit dem Theaterhaus für ein junges Publikum genannt, und in den Drucksachen zur Theaterreform findet der Tanz nur am äußersten Rand Erwähnung.

Künftig soll auch in einer "Theaterjury" und einer "Theaterkommission" mehrheitlich von Theaterspezialisten über die Agenden Tanz und Tanzperformance entschieden werden. In der Sprache der Politik, bei der Repräsentation so gut wie alles ist, bedeutet das nicht nur Gutes. Statt die prosperierende Choreografie auch symbolisch aufzumuntern, wird kunstspezifisches Spartenübergreifen mit administrativem Spartenunterrühren verwechselt.

Im Wartezimmer der Theaterstadt Wien herrscht Bangigkeit vor der Herausforderung durch den Tanz innerhalb der darstellenden Kunst. Die Kulturpolitik hält die TQW-Verwaltung in Dauerstress, der Bund enthält sich einer Mitfinanzierung. Dem Festival "Tanzsprache" im WuK bleibt der Hahn zugedreht. Das Künstlerhaustheater musste eine seiner beiden jährlichen Tanzschienen streichen - zugunsten wenig glücklicher Festivalambitionen im Kosmostheater. Zusätzlich haben die Wiener Festwochen den Tanz fast vollständig aus ihrem Programm eliminiert.

Wie nun auf den Tanz in den neuen Förderrichtlinien, die zurzeit vom Kulturamt mit dem Off-Theater- und Tanz-Kuratorium, den Kultursprechern der Parteien und der IG erarbeitet werden, eingegangen wird, bleibt abzuwarten. (DER STANDARD, Printausgabe vom 17./18.1.2004)

Von
Helmut Ploebst
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