Wladimir Putin allein auf weiter Flur

18. Jänner 2004, 14:43
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Der Sieg des Kremlchefs bei der russischen Präsidentschaftswahl am 14. März gilt als ungefährdet

Satte 56 Prozent der Russen stimmten bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "VCIOM-A" dem Vorschlag zu, "kein Geld zu verschwenden und die Wahlen nicht zu veranstalten". Der Sieg von Wladimir Putin bei der Präsidentschaftswahl am 14. März steht außer Frage, der Kreml hat lediglich ein Absinken der Wahlbeteiligung unter die geforderten 50 Prozent zu befürchten.

Putins hohe Werte sind freilich so eindeutig nicht, in Detailfragen wie etwa der Wirtschafts- und Tschetschenienpolitik stellt ihm das Volk auffällig schlechte Noten aus. Ein Drittel der Wähler stimmt nur deshalb für Putin, weil "es keine anderen würdigen Politiker sieht, die sich mit ihm messen könnten".

Die, die es wenigstens vom Bekanntheitsgrad her könnten, verzichteten nach den Parlamentswahlen im Dezember darauf, als sich die Kremlpartei "Einiges Russland" die Zweidrittelmehrheit holte. Man wolle nicht an einer Farce teilnehmen, lautete etwa die Begründung des Jabloko- Chefs Grigorij Jawlinskij, dessen Partei nicht mehr in der Duma sitzt.

Vor allem aber wollen sich manche selbst einer möglichen Erniedrigung entziehen und schicken Hampelmänner ins Rennen. Kommunistenchef Gennadij Sjuganow, bei den Präsidentschaftswahlen 2000 würdiger Zweiter hinter Putin, entsendet den konturlosen Nikolaj Charitonow. Der wirre Nationalist Wladimir Schirinowskij, mit der Verdoppelung der Stimmen einer der Sieger bei den Parlamentswahlen, bringt seinen Leibwächter Oleg Malyschkin. Dabei hätte Schirinowskij gute Aussichten auf den zweiten Platz gehabt.

Als Quasigegner könnte Sergej Glasjew etwas Farbe- in die Vorwahlzeit und es schließlich auf Platz zwei bringen. Durch die eigenmächtige Kandidatur hat der abtrünnige Kommunist und populäre Chef der nationalistisch-populistischen Aufsteigerpartei "Heimat" einen innerparteilichen Skandal ausgelöst; die Partei selbst unterstützt den Exnationalbankchef Viktor Geraschenko.

Radikaloppositionell zum Kreml geben sich dieser Tage nur die zwei Kandidaten aus dem liberaldemokratischen Spektrum: Der einstige Sekretär des Sicherheitsrates, Iwan Rybkin, finanziert vom Londoner Exil-Oligarchen Boris Beresowskij; und Irina Chakamada, die Vizevorsitzende der bei den Dumawahlen durchgefallenen wirtschaftsliberalen Partei "Union der Rechten Kräfte".

Trotz vehementen Dementis nicht ganz verstummt ist das Gerücht, die einstige Businessfrau sei vom Kreml im Interesse einer internationalen Imagepolitur zur Kandidatur überredet worden. Nun jedoch startete Chakamada ihre Kampagne mit empfindlichen Vorwürfen gegen Putin: Er lüge über die Vorgänge beim Moskauer Geiseldrama im "Nordost"-Theater und verhindere die Aufklärung des Staatsverbrechens.

Damit reagierte sie auf Fragen von Hinterbliebenen der Terroropfer an die Präsidentschaftskandidaten. Die Fragen kreisen um die Vermutung, der Geheimdienst FSB sei in die Organisation der Bombenanschläge von 1999, und der Geiselnahme im November 2002 verwickelt, infolgedessen Putin als starker Staatsmann gegen tschetschenischen Terrorismus präsentiert wurde. Chakamada, die als Vermittlerin im "Nordost" auftrat, berichtete nun von Warnungen, die sie dafür von der Putin-Administration erntete. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.1.2004)

Eduard Steiner aus Moskau
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    Kandidat der KP, Nikolaj Charitonow.

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    Irina Chakamada, liberale Geschäftsfrau

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    Schirinowskis Oleg Maryschkin

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    Beresowski-Freund Iwan Rybkin

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