Banken geraten immer tiefer in Skandal-Sumpf

18. Jänner 2004, 20:37
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Ermittlungen gegen sieben Großbanken - Italiens "Finanzpolizei" untersucht Beziehungsgeflechte - Kreditgeber aus Österreich Geschädigte

Rom/Wien - Italienische und ausländische Banken geraten immer tiefer in den Sumpf des Skandals um die Insolvenz des Nahrungsmittelriesen Parmalat. Wie aus italienischen Justizkreisen verlautete, wird gegen sieben Banken ermittelt: Banco Santander, Bank of America, UBS, Citigroup, J.P Morgan, Deutsche Bank und ABN Amro. "Kontrollen sind noch gegen Banken im Gange, die besonders enge Beziehungen zu Parmalat hatten", meinten Ermittler. Ermittlungen gegen einzelne Bankiers seien bisher aber noch keine aufgenommen worden.

Die Ermittler und Parmalats Insolvenzkommissar, Enrico Bondi, überprüfen inzwischen den Schuldenstand des Konzerns bei italienischen und ausländischen Banken. Laut einem von Parmalat an die Behörden und die italienische Notenbank übergebenen Dossier meldete der Konzern per Mitte Oktober 2003 bei ausländischen Banken noch Schulden von insgesamt 1,909 Mrd. Euro und von 2,45 Mrd. Euro bei italienischen Kredithäusern. Die italienische Bank, die bei Parmalat zumindest im Oktober noch die höchsten Kredite meldete, war die römische Capitalia mit 463 Mio. Euro, die inzwischen laut jüngsten Angaben ihres Präsidenten Cesare Geronzi auf zirka 360 Mio. Euro gesunken sind.

Verbindlichkeiten

Die größten Verbindlichkeiten gab Parmalat bei der Bank of America an, der der Nahrungsmittelkonzern im Oktober noch 675 Mio. Euro schuldete. Die Mailänder Staatsanwälte ermitteln seit Wochen die undurchsichtigen Beziehungen zwischen dem US-Geldhaus und dem Milchmulti aus Parma. Ein Ex-Funktionär der Bank of America, Luca Sala, ist seit einer Woche in Haft. Ein weiterer Manager der Bank war diese Woche vernommen worden.

Weitere große ausländische Gläubigerbanken Parmalats sind laut dem Bericht Citibank mit einem Obligo von 119 Mio. Euro, ABN Amro mit 85 Mio. Euro und die australische ANZ mit 84 Mio. Euro. Für die österreichische Raiffeisen Zentralbank (RZB) wurden mit Stand Oktober 48 Mio. Euro Außenstände genannt.

Warnung vor Kriminalisierung

Der Präsident des italienischen Bankenverbands ABI, Maurizio Sella, warnte mit Nachdruck vor einer Kriminalisierung der Banken. Die italienischen Geldhäuser seien von Parmalat über dessen "kreatives Bilanzsystem" betrogen worden. Die Kredite, die die italienischen Banken bei Parmalat melden, seien geringer als jene ausländischer Kreditinstitute, sagte Sella.

Österreichischen Banken schuldet Parmalat zum Stand von Anfang Jänner 2004, wie berichtet, insgesamt rund 120 Mio. Euro (Kredite und Eigenbestand an Parmalat-Papieren). Ein Rechtshilfeersuchen der italienischen "Finanzpolizei" an Österreich gibt es nicht. Die österreichischen Banken, die Kredite an Parmalat-Firmen vergeben haben beziehungsweise in Kreditsyndikaten auftraten, seien in der Causa lediglich "Geschädigte", wird gegenüber der APA erklärt. Sie müssen diese Positionen in den Bilanzen 2003 abschreiben. Ein großer Teil der Parmalat-Verbindlichkeiten in Österreich entfällt auf die Raiffeisen-Geldgruppe.

Parmalat Austria

Im Visier der Justiz ist hingegen das Firmengeflecht um Parmalat Austria, hier ermitteln die Staatsanwaltschaft Wien und das Bundeskriminalamt. Medienberichten zufolge steht Parmalat unter Verdacht, "anrüchige Beteiligungen nach Wien verlagert" und die in der Wipplingerstraße ansässige Parmalat-Tochter gleichsam als Zwischenholding für ihr weltweites Firmennetz benützt zu haben.

Die Ermittlungen um Off-Shore-Gesellschaften unter Parmalats Kontrolle weiten sich indes immer mehr aus. Nach Angaben der ungarischen Wirtschaftszeitung "Vilaggazdasag" kontrolliert Parmalat eine Off-Shore-Tochter in Ungarn namens "PDBI". Die Gesellschaft stehe über kanadische und niederländische Parmalat-Töchter unter Kontrolle der Holding Parmalat Finanziaria, die bis Dezember an der Mailänder Börse notiert war.

Das Kapital der ungarischen Gesellschaft betrug 2002 noch rund 220 Mio. Dollar, berichtete die Tageszeitung. In den vergangenen zwei Jahren war es jedoch schrittweise reduziert worden. Die PDBI war dem Bericht zufolge gegründet worden, um den verschiedenen Parmalat-Töchtern vorübergehende oder langfristige Assistenz zu sichern. Diese Gesellschaft bediente sich dabei der niedrigen Steuersätze für in Ungarn ansässige Off-Shore-Gesellschaften, heißt es.(APA)

  • Italienische und ausländische Banken geraten
immer tiefer in den Sumpf des Skandals um die Insolvenz des
Nahrungsmittelriesen Parmalat
    foto: epa/fusco

    Italienische und ausländische Banken geraten immer tiefer in den Sumpf des Skandals um die Insolvenz des Nahrungsmittelriesen Parmalat

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