Iraker im Handy-Fieber

23. Jänner 2004, 10:41
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Ende Jänner soll um Bagdad das Mobilfunk-Zeitalter beginnen - Deutscher Siemens-Konzern baut Netz im Norden

In Muschtak el Malikis Mobilfunkshop herrscht Hochbetrieb. Die Kunden strömen in seinen blau-gelb dekorierten Laden in Bagdad. Geduldig beantwortet Maliki die Fragen, die ihm wieder und wieder gestellt werden. Die Iraker hat das Handy-Fieber gepackt. In rund zwei Wochen soll zumindest in der Region um die Hauptstadt möglich sein, was fast überall sonst auf der Welt seit Jahren zum Alltag gehört: Telefonate per Mobilfunk.

Run

Maliki und andere rechnen mit einem Boom. Davon profitiert auch der deutsche Siemens-Konzern, der einen Auftrag über den Aufbau eines Mobilfunknetzes im Norden Iraks erhalten hat.

"Die Leute können kaum glauben, dass sie bald Handys besitzen und benutzen werden", sagt Maliki. Er arbeitet für den Anbieter Iraqna, der das Netz für Zentralirak von Bagdad aus betreiben wird und zum ägyptischen Konzern Orascom Telecom gehört. Das Netz soll Ende Jänner funktionieren - und die Malikis Kunden rüsten sich bereits.

Vorteile

"Mit einem Handy muss ich mir weniger Sorgen machen um meine Familie", erzählt Amal Mohammed, die sich in dem Laden nach den Vertragsbedingungen erkundigt. "Ich kann dann einfach meine Tochter in der Uni anrufen und hören, dass es ihr gut geht. Im Moment bin ich dauernd unruhig wegen der vielen Gewalt im Land", sagt die pensionierte Lehrerin. Für sie sind die Handys ein "Geschenk Gottes".

Derzeit sind Telefonate in Irak oder ins Ausland schwierig und teuer. Das einzige existierende Mobilfunknetz ist für Militärs und die Staatsführung reserviert. Das Festnetz wurde von den USA und Großbritannien während des Krieges bewusst zerstört, weil es auch von den irakischen Militärs benutzt worden war. Sabotage-Anschläge taten ein Übriges: Leitungen und Anlagen liegen weitgehend in Trümmern und Ersatzteile sind rar. Aber auch vor dem Krieg war das Telefonnetz mit vier Anschlüssen pro 100.000 Einwohner eines der dünnsten in der Region.

Ängste

Ein Handynetz gab es zu Saddam Husseins Zeiten ebenfalls nicht. Der frühere Machthaber fürchtete die unkontrollierbare Massenkommunikation, und die Sanktionen verhinderten Einfuhr und Entwicklung der notwendigen Technik. Nur die Kurden im Norden - geschützt vor dem Einfluss Saddams - benutzen schon länger Handys. Die übrigen Iraker waren nach dem Sturz des Machthabers auf Satellitentelefone angewiesen, die immerhin 60.000 Leitungen boten. Doch die unhandlichen Geräte funktionieren nur unter im Freien. Und mit Anmeldegebühren von 600 Dollar (475 Euro) und Gesprächskosten von einem Dollar pro Minute sind Satellitentelefone in einem Land mit einem Durchschnittsgehalt von 150 Dollar im Monat keine Alternative.

Kein Wunder also, dass Maliki eine "Explosion des Mobilfunkmarktes" erwartet. Ein Handy-Abo wird es für 69 Dollar geben und Prepaid-Karten für zehn bis 30 Dollar. 400.000 Abonnenten in den kommenden zwei Monaten erwarten die drei Mobilfunk-Anbieter. Die Lizenzen waren bereits im vergangenen Jahr vergeben und die Verträge am 22. Dezember unterzeichnet worden.

Aufteilung

Neben Orascom kamen die größtenteils in kuwaitischer Hand befindliche Atheer Tel für den Süden des Landes und die ebenfalls kuwaitisch dominierte Asia Cell für den Norden zum Zuge. Dort wird nun Siemens als Subunternehmer das Mobilfunknetz aufbauen. Berichten zufolge beläuft sich der Auftrag für die Münchener auf eine zweistellige Millionensumme.

Und das ist erst der Beginn des Telekom-Geschäfts in Irak mit seinen 25 Millionen Einwohnern. "Wir sind sehr froh, dass endlich auch bei uns das Mobilfunkzeitalter beginnt", freut sich Malikis Kollege Mohammed Sahib. "Schließlich ist das Recht zu kommunizieren ein Menschenrecht." (APA)

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