Graz versinkt im Feinstaub

20. Jänner 2004, 10:10
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Autoverkehr müsste um die Hälfte reduziert werden - Exorbitante Überschreitung der Grenzwerte

Graz - In der Schmetterlingsgruppe liegt würziger Thymiangeruch in der Luft. "Vielleicht hilft's" hofft die Kindergärtnerin auf die Wirkung des Duftlamperls, in dem sie Thymianöl erwärmt. Seit Tagen husten so ziemlich alle Kinder in ihrer Gruppe. Der Kindergarten liegt mitten in der Stadt und die Kids tollen am Vormittag regelmäßig im kleinen Hof herum. Sie brauchen frische Luft. Und hier beginnt das Problem.

Exorbitanter Grenzwertüberschreitungen

Es könnte auch an der miesen Luftqualität liegen, dass die Kinder auch diesen Winter wieder durchhusten. Ob tatsächlich die Grazer Luft Mitschuld trägt, hat aber bisher noch keine offizielle Stelle wirklich interessiert. Denn trotz exorbitanter Grenzwertüberschreitungen bei der Feinstaubkonzentration hat weder die Stadt Graz noch das Land Steiermark bisher eine fundierte wissenschaftliche Untersuchung über den konkreten Grazer Zusammenhang zwischen Feinstaub und Gesundheitsauswirkung in Auftrag gegeben.

138 Mal wurden EU-Richtlinien überschritten

2003 wurde der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaubpartikel, der nach EU-Richtlinien höchsten an 35 Tagen überschritten werden darf, in Graz 138 Mal übertroffen. Graz zählt damit zu den in Europa am meisten belasteten Städten. Bedingt auch durch die geographisch ungünstige Beckenlage. In einem sind sich Stadt- und Landpolitiker einig: sie sind ratlos. Es existiert bis heute kein "Masterplan" zur Reduzierung der Feinstaubgefahr.

Tempo-30-Verordnung eher Placebo

Am 1. März soll nun zumindest eine Feinstaub-Verordnung des Landes Milderung bringen. Aber es überwiegt Skepsis. Denn die vom zuständigen Umweltlandesrat Hans Seitinger unter anderem geplante Tempo-30-Verordnung wird eher als Placebo beurteilt. Andreas Schopper von der technischen Umweltkontrolle des Landes weist etwa auf Pilotversuche in Deutschland hin, wonach Temporeduzierungen maximal fünf Prozent des Feinstaubes eliminierten.

Nur radikale Reduzierung des Verkehrs zielführend

Das Hauptproblem sei der Abrieb der Reifen, der Straßen und der Bremsen. Daher sei nur eine radikale Reduzierung des Verkehrs zielführend. SP-Vizebürgermeister Walter Ferk schlägt nun in dieselbe Kerbe: Auf Dauer helfe nur eine Halbierung des Autoverkehrs. Das bedeute: Verzicht auf's Auto. (Walter Müller, DER STANDARD Printausgabe 16.1.2004)

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