Wien: Notzucht eines 14-Jährigen in der Zelle

16. Jänner 2004, 21:38
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"Er war halt das schwächste Glied in der Kette", bedauert eine Anwältin - Gerichtsgeschichte von Daniel Glattauer

Wien - Draußen reden die Verteidiger über Viorel, jenen rumänischen Schulbuben, der in der Wiener U-Haftzelle von drei Mithäftlingen vergewaltigt wurde. "Er war halt das schwächste Glied in der Kette", bedauert eine Anwältin: "Das ist so wie im Tierreich." Die Kollegen nicken.

Drinnen klagt der Jugendrichter: "Unsere Justizanstalt ist derart überfüllt, dass es den Beamten nicht möglich ist, jeden Häftling zu beobachten, um solche Vorfälle zu verhindern." Aber der 14-jährige Rumäne musste unbedingt noch hinein. Er war am letzten Tag seines Wien-Besuchs beim Diebstahl einer Zahnbürste, eines Parfums und einer Flasche Sekt erwischt worden. Amnesty International prangert die Verhängung der U-Haft als "massive Menschenrechtsverletzung" an.

Damit sie miteinander reden können

Dabei hatte es der Inspektor von der Justizwache gut gemeint. Er hatte den kleinen Viorel aus der Zweierzelle mit einem grapschenden Afrikaner genommen und zu drei Landsleuten gelegt. "Wir haben ihnen die Chance gegeben, dass sie miteinander reden können. Und dann passiert so was!"

Da wetzen nun Gheorgiu (16), Ion und Julian (15) verlegen auf der Anklagebank herum. In den Zuschauerreihen schluchzt lautstark eine Mutter. Gheorgiu war der Initiator. Er behauptet, Viorel hätte freiwillig mitgemacht. "Man hat ihm angesehen, dass er einverstanden war. Er hat nicht geweint", sagt er. Julian beschreibt die Vergewaltigung als Mutprobe. Sein Freund soll gespottet haben: "Wenn du das nicht machst, bist du feig wie eine Frau."

Beim Sport im Gefängnishof völlig verstört

Am nächsten Tag war Viorel beim Sport im Gefängnishof völlig verstört. "Er hat geweint", erinnert sich ein Zeuge. "Die haben mich zu was gezwungen", soll er dem Vertrauten verraten haben.

Die Angeklagten werden zu zwei Jahren, zu 18 und zu 17 Monaten Haft verurteilt. "Euer Opfer schaut aus wie ein Neunjähriger, wie ein Kind. War euch das egal?", fragt der Richter. Julian erwidert: "Wenn man einmal im Gefängnis ist, ist man kein Kind mehr." (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 16.1.2004)

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