Die Hauptstadt des Geldes und der Slums

30. Jänner 2004, 16:43
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Bombay ist eine Stadt der Gegensätze

Bombay - Egal, aus welcher Himmelsrichtung sich die Besucher dem Gelände des Weltsozialforums nähern - die Slums der 18-Millionen-Stadt Bombay sind allgegenwärtig. Direkt nebenan führt auf Betonstelzen der zehnspurige "Expressway", die Stadtautobahn, entlang, unter der sich ein Elendsquartier ausbreitet. Hunderte Menschen sitzen im Dreck, um sich herum Plastikmüll, Essensreste, Bauschutt und Krähen. Manche besitzen keine Decke, sie schlafen auf der Erde. Ihre Körper haben die Farbe des Straßenstaubes angenommen.

Ein Dach über dem Kopf haben diese Menschen nicht. Bei Anbruch der Dunkelheit verwandeln sich 60 Prozent der Straßen Bombays in solche Schlafstätten. Ein paar Hundert Meter weiter findet sich die nächsthöhere Kategorie einer Armutssiedlung. Hier gibt es zeltähnliche Konstruktionen aus Tüchern und Plastikplanen, die eng beieinander stehen. Auf wenigen Quadratmetern leben ganze Familien mit Dutzenden Angehörigen, die geringe Habe - Töpfe, Teller, Decken - ist in einer Ecke gestapelt. Elektrizität und Wasserversorgung sind nicht vorhanden.

Wieviel Menschen in den Slums wohnen, weiss niemand genau. Schätzungen gehen bis zu sechs Millionen. Durch die Ausweitung der modernen Landwirtschaft in anderen Regionen Indiens werden Landlose und Kleinstbauern zur Abwanderung in die Städte gezwungen.

Doch Bombay hat auch ein anderes Gesicht. Internationale Firmen siedeln sich in der Finanz- und Wirtschaftsmetropole an der indischen Westküste an. Denn in der Hauptstadt des Bundestaates Maharashtra residiert die wichtigste Börse Indiens. 25 Prozent der indischen Industrie arbeitet hier. Mit den transnationalen Unternehmen kommen gutausgebildete Angestellte, und auch der indische Mittelstand, der von Aufträgen der großen Firmen lebt, braucht Gewerbeflächen und Wohnungen. Um diesen Platz zu schaffen, werden Slums abgerissen und die Bewohner vertrieben. Die Stadt selbst ist ein Produkt der frühen Globalisierung. Die Portugiesen fassten 1534 mehrere Dörfer zu einer Hafensiedlung zusammen. (koch/DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2004)

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