Globalisierungskritiker pilgern nach Bombay

19. Jänner 2004, 15:54
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Pakistanische Band eröffnet erstes Weltsozialforum in Asien - Sechstägiges Treffen begann mit Rede von Nobelpreisträgerin Ebadi

Bombay - In der indischen Millionenmetropole Bombay (Mumbai) hat am Freitag das vierte Weltsozialforum begonnen. Die pakistanische Band Junoon eröffnete das sechstägige Treffen von Globalisierungskritikern mit einem Friedenskonzert. Zu dem Treffen unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" werden bis zu 100.000 Teilnehmer aus der ganzen Welt erwartet. Zu Beginn sagte die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi: "Wir sind hier, um unsere Verpflichtung für die Menschenrechte zu verkünden und eine bessere Welt möglich zu machen." Als Redner bei der formellen Eröffnungszeremonie am Nachmittag wird auch Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Frauenrechtlerin Arundhati Roy erwartet.

Gegenveranstaltung zu Davos

Das Forum war 2001 als Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum in Davos gegründet worden. Auf rund 1200 Veranstaltungen wollen die Teilnehmer Strategien unter anderem gegen globale Armut, Unterdrückung, Fundamentalismus und Krieg diskutieren. Das Weltsozialforum versteht sich als Gegenpol zum Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos, bei dem sich vom 21. bis 25. Jänner Wirtschaftsführer und Politiker treffen. Das Weltsozialforum wurde drei Mal im brasilianischen Porto Alegre abgehalten. In diesem Jahr ist erstmals Indien Tagungsort, um mehr Menschen aus Afrika und Asien die Teilnahme zu ermöglichen.

Das diesjährige Forum steht unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" und will Umwelt-, Sozial- und Friedensgruppen die Möglichkeit zur Zusammenarbeit und Vernetzung eröffnen. Auf dem Programm stehen gut 1.000 Veranstaltungen zu Themen wie Krieg, unfairer Welthandel, Armut und Menschenrechte.

"Vada prao" statt Cola und Burger

In der Millionenstadt Bombay, die seit 1995 wieder ihren alten Namen Mumbai (nach einer Hindu-Göttin) trägt, sind die Folgen der Globalisierung deutlich sichtbar: In dem Finanzzentrum Indiens schossen in den 90er Jahren zahlreiche moderne Einkaufszentren aus dem Boden. Nach Angaben der Organisatoren des Weltsozialforums wurden dafür zahlreiche Fabriken und Mühlen geschlossen. Über die Hälfte der zwölf Millionen Einwohner Bombays leben in Slums. In ganz Indien seien allein in den letzten fünf Jahren 600.000 Fabriken geschlossen und damit rund 130 Millionen Arbeitsplätze vernichtet worden, hieß es in einer Pressemitteilung.

Ihren Protest gegen multinationale Konzerne machten die Organisatoren auch durch die Auswahl der Essens- und Getränkestände rund um das Konferenzzentrum im Stadtteil Goregaon deutlich: Statt Cola wurde Zuckerrohrsaft, statt Hamburgern das indische Sandwich "vada prao" mit frittierten Kartoffelbällchen angeboten. "Wenn sich 100.000 Leute versammeln und das den multinationalen Konzernen kein bisschen wehtäte, wäre das die falsche Botschaft", sagte der indische Gewerkschaftsführer und Mitorganisator W.R. Varada Rajan zur Begründung.

"Stoppt die USA

Einige Aktivisten nutzten den Marsch zum Tagungszentrum am Morgen auch, um gegen die Politik der US-Regierung zu demonstrieren: "Stoppt die USA" und "Protestiert gegen Bush" war auf vielen Plakaten zu lesen.

Wie "Attac Austria" in einer Presseaussendung mitteilte, ist Österreich bei der Veranstaltung durch drei Frauen vertreten, die sich besonders um das Thema Frauenrechte und internationale Vernetzung von Frauen kümmern wollen.

Thematischer Schwerpunkt von Attac Österreich wird neben den Frauenrechten "der globale Standortwettbewerb um die niedrigsten Umwelt-, Sozial- und Steuerstandards sein, der in Österreich mit der aktuellen Steuerreform vorangetrieben" werde. Karin Küblböck, Obfrau von Attac Österreich, rief zur "Beendigung des globalen Dumpings auf Kosten der Allgemeinheit und zugunsten transnationaler Konzerne" auf. ´

Pressestimme

Anlässlich des Beginns des Weltsozialforums schrieb die Pariser Zeitung "Libération" am Freitag:

"Indien gibt heute vor, den Widerstand gegen die Vorherrschaft der reichen Länder zu verkörpern, also ein Verbündeter der Globalisierungsgegner zu sein. (...) Die 'India Incorporated' ist bisher aber unfähig, die halbe Milliarde ihrer Einwohner, die mit weniger als einem Dollar pro Tag leben, aus der Misere zu ziehen. Sie verteilt ihren Reichtum nicht und federt den sozialen und menschlichen Schock, den die wirtschaftlichen Umwälzungen bewirken, nicht ab. Die Autarkie, die für Gandhi so wichtig war, erweist sich also schlimmer als die Globalisierung. Der Milliarde von Indern eine annehmbare Existenz zu sichern, ohne den Planeten zu zerstören und Konflikte zu erzeugen, ist eine riesige Herausforderung. Der sollten sich die Globalisierungsgegner stellen. Mit konkreten - und möglichen - Lösungen." (APA/AP/dpa/red)

  • Die Kritiker der Globalisierung versammeln sich in der indischen Millionenstadt Bombay, die Organisatoren rechnen mit bis zu 180.000 Teilnehmern. Darunter ist etwa eine Gruppe, die sich für die Rechte von SexarbeiterInnen einsetzt: "Prostitution ist auch Arbeit: Wir fordern Arbeitsrechte." Es ist das erste Weltsozialforum in Asien. Bisher tagten die Kritiker in Brasilien.
    foto: epa/harish tyagi

    Die Kritiker der Globalisierung versammeln sich in der indischen Millionenstadt Bombay, die Organisatoren rechnen mit bis zu 180.000 Teilnehmern. Darunter ist etwa eine Gruppe, die sich für die Rechte von SexarbeiterInnen einsetzt: "Prostitution ist auch Arbeit: Wir fordern Arbeitsrechte." Es ist das erste Weltsozialforum in Asien. Bisher tagten die Kritiker in Brasilien.

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    Die "All together group" aus Südkorea demonstriert gegen die Irak-Politik von USA und Großbritannien

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