Die Ufa im Zwielicht der Geschichte

16. Jänner 2004, 12:28
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Teil 9 von Ilse Aichingers Serie "Schattenspiele"

Das erste Gesicht im lange verloren geglaubten, jetzt aber unter einem großen Haufen unbeantworteter Briefe aufgetauchten Taschenbuch Die Gesichter der Ufa ist dasjenige Henny Portens aus dem Ufa-Film Mutter und Kind 1924. Es war der Beginn der Fritz-Lang-Ära.

Auf dem Foto sind weder Mutter noch Kind zu sehen, stattdessen Henny Porten, leicht, aber nicht gekonnt lasziv, Henny Porten, die in Seidenanzug und Pelzkragen mühelos ihre fast abgebrannte Zigarette und ein Sektglas vor die schwere Portière hält, die ihrer Bedeutung gewachsen sein soll. Sie lächelt geblendet, aber etwas blöde ihrem aufsteigenden Ruhm entgegen (seit 1906 pro Jahr durchschnittlich 15 Filme).

Ein Weltstar wurde sie nicht, aber sie stellte während der Kriege vorbildlich die alten Tugenden deutscher "Sunnygirls" zur Schau, die im gegebenen Augenblick leicht in die Rolle von harmlosen, ergebenen Gefährtinnen, in die von Verlobten oder jungen Müttern wechseln konnten. Nach ungekonnten Spielen verhältnismäßig wenige Schatten.

Dagegen wirkt Lil Dagover, Tochter eines Oberförsters, souverän, fast kühn und selbst der Gefahr zu altern gewachsen. 1943 wird sie zur Truppenbetreuung an die Ostfront beordert, spielt nach dieser Erfahrung kauzige alte Damen und stirbt im schwierigen Alter von 67 Jahren in München, zufrieden.

Auch Sibylle Schmitz, Tochter eines Konditors, eine ehemalige Klosterschülerin aus Düren, machte keine große Karriere. Goebbels bremste ihren Aufstieg, was ich an seiner Stelle schon 1932 getan hätte, denn einer der frühesten Filme, die ich sah, passte später schlecht ins Dritte Reich: FP 1 antwortet nicht.

Am 31. Jänner 1933 fand in Essen die Uraufführung eines schwachen Ufa-Films, Morgenrot von Gustav Ucicky, statt, eine Nebensache. Aber am Abend zuvor war in Berlin Hitler zum Reichskanzler erklärt worden. Und dieses elende Morgenrot wurde zur filmischen Ouvertüre des Dritten Reiches. Nur zwei Monate später feuerte die staatstragende Ufa ihre jüdischen Mitarbeiter - unter ihnen Fritz Lang, Billy Wilder, Peter Lorre. Aber weder SA-Mann Brandt noch Hitlerjunge Quax wurden vom Publikum in der Weise goutiert, wie man es von höherer Stelle her geplant hatte. Das Horst-Wessel-Epos Horst Wemmer wurde vom Staat aus dann gleich offiziell zurückgezogen.

Auf einem Foto sieht man Veit Harlan, Star- und Staatsregisseur des Dritten Reiches, und seine Frau Christine Söderbaum bei der Premiere seines Films Der große König 1942 in Dresden. Weiter zu sehen sind hier eine entsprechend verharmloste Aufmunterung zum Durchhalten im großen Krieg, verharmloste Pelzkrägen und wenig gewagte Hüte: Maskenhaftigkeit, Einverständnis, aufgesetzte Zuversicht. Zwei Seiten weiter radelt Ilse Werner, die pfeifen konnte, vergnügt ins Studio.

Wie verhält sich die Filmindustrie zur Geschichte? Was nimmt sie wahr von dem, was um sie herum gerade an Katastrophen geschieht? Die Ufa scheint hier versagt zu haben und allzu oft parteitreu gewesen zu sein. Aber gleichzeitig ist ihre Fügsamkeit so dilettantisch, sie wirkt komisch, und damit auch das Regime, das sie verherrlichen sollte.

Soll man das Phänomen der Ufa also an der Bestechlichkeit oder auch, sehr selten, an der Unbestechlichkeit ihrer Stars messen? Soll man von ihrem Gründungsjahr 1917 ausgehen oder von der Einführung der ersten Bordkinos auf Überseedampfern? Soll man sie an ihrem Unglück messen oder an ihrem Glück? Bei dieser Überlegung fällt mir eine alte und ganz andere Frage ein, sie gehört nirgendwo hin: Woher stammt eigentlich das Wort "Glück"?
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2004)

Die nächste Folge lesen Sie kommenden Freitag.
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