Kommentar: Die totale Verkleisterung

15. Jänner 2004, 17:59
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Die Wiener Kulturpolitik bietet zu derjenigen des Bundes keine Alternativen

So ein Theater in der Josefstadt! Da schlittert eine Institution des Wiener Bühnenlebens an den Rand des finanziellen Abgrunds; ihr Direktor, der erst seit Herbst im Amt ist, aber mit einem fragwürdigen dramaturgischen Konzept erwartungsgemäß nicht reüssierte, wird nach wenigen Monaten gefeuert. Und wer jetzt meint, dass dies bei den verantwortlichen Kulturpolitikern auch nur andeutungsweise Selbstkritik evozieren könnte - der wird derzeit eines Schlechteren belehrt.

Sowohl VP-Kunststaatssekretär Franz Morak als auch der in den Josefstadt-Salat denkbar tief involvierte Wiener SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny weisen nicht nur jede Schuld von sich, sondern auch jede Handlungsperspektive: Die Stehphrase von der "Vergangenheit, auf die wir jetzt nicht mehr zurückschauen wollen" - sie wird im Fall Josefstadt ebenso routiniert vorgetragen wie das Bild von der "Brücke, die wir erst überschreiten, wenn wir den Fluss erreicht haben".

Ähnlich wie bei Franz Morak, dem das Diagonale-Debakel immer noch im Genick sitzt, dürfte es sich hier für Mailath-Pokorny mittlerweile um ein gewaltiges Flussdelta handeln, für das Brückenkonstruktionen nicht annähernd konstruiert, geschweige denn angedacht sind.

Nach dem Desaster im Theater im Rabenhof und einem nur mäßig begeisternden Ausschreibungskabarett samt Promikarussell rund ums Volkstheater hat der Stadtrat in der Josefstadt einmal mehr demonstriert, was Burgtheater-Direktor Klaus Bachler kürzlich in einem Standard- Interview folgendermaßen auf den Punkt brachte: "Letztlich ist diese Art von Personalpolitik nur die Verkleisterung fehlender Strukturpolitik. Und der Politiker selbst bleibt dann, wie im Fall Rabenhof oder Josefstadt, relativ zurückgelehnt, wie ein Zuschauer, wo doch seine Haltung und sein Handeln gefragt wären."

Bachler ist mit diesem Fazit durchaus repräsentativ für viele Künstler und Intellektuelle in Wien, die so etwas wie ein einschlägiges Profil, geschweige denn eine Vision schmerzlich vermissen. An Mailaths ursprünglichen Plan, in der Hauptstadt eine Alternative zum schwarz- blauen Kulturkampf zu bieten, will schon gar keiner mehr erinnern: Sehr bald war klar, dass der Stadtrat ideologisch wenig Bedenkenswertes formuliert und erst recht nicht willens oder fähig ist, Grundzüge einer avancierten sozialdemokratischen Kunst- und Kulturpolitik zu entwickeln.

Im linken Lager nimmt man ihm das zunehmend übel. In schwarz-blauen Kreisen quittiert man es wiederum mit fast schon jovial vorgetragener Häme, so auf die Art: Zwischen der Vergabe von Ehrenzeichen und der Verwaltung eines heutzutage kaum aufstockbaren Kunstbudgets ist der Handlungsspielraum halt verdammt eng. Eigentlich genügen für diese Tätigkeit auch ein paar kompetente Beamte.

Mailath weist das regelmäßig von sich. Und er ist durchaus repräsentativ für einen SP- Kurs, der sich seit dem Abgang von Ursula Pasterk aus der Stadtpolitik und dem Rückzug des letzten Kunstministers Rudolf Scholten geradezu eilfertig aus den intellektuellen Sphären entfernt hat. Anders als sein VP-Vorgänger Peter Marboe verfügt er also nicht einmal mehr über Gewährsleute, die von der Szene als Ansprechpartner akzeptiert werden. Stattdessen sind die Kunstschaffenden und -institutionen immer öfter verärgert über einen autoritären Ton, mit dem im Kulturamt auch ernsthafte, begründete Ansuchen flott abgewiegelt werden, weil: "Die anderen kriegen auch nicht mehr!"

In der allgemeinen Unzufriedenheit mehren sich Vermutungen, Andreas Mailath- Pokorny sei rücktrittsreif. Man darf die Frage stellen, wer ihm dann aber folgen sollte in einer SPÖ, die (ähnlich wie übrigens die Grünen) in Sachen Kunst und Kultur keinen Nachwuchs aufgebaut hat. Man kann sich mit der Behauptung trösten, dass das in anderen Ländern ähnlich aussieht. Für eine so genannte Kulturnation ist es nichtsdestotrotz beschämend: Morak oder Mailath - da hat man wortwörtlich keine Wahl. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2004)

Von Claus Philipp
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