E-Mail von Steffi, E-Mail an alle

15. Jänner 2004, 18:39
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Sportredaktionen in ganz Österreich haben eine „Neue Nachricht“: Stephanie Graf erklärte per elektronischer Post Gründe ihres Rücktritts

In der E-Mail erklärt Graf, warum sie zurückgetreten ist. DER STANDARD hat die 800-m-Läuferin gebeten, den Text veröffentlichen zu dürfen. „Kein Problem, freu’ mich darüber.“

Liebe Freunde!

Für euch mag es wie ein Blitz aus heiterem Himmel scheinen, doch fast ein Vierteljahr habe ich mich mit diesem Gedanken gequält und in vielen Stunden Rat bei meinem Mentaltrainer gesucht. Die letzten Wochen waren sehr harte, trainingsintensive Wochen, und ich bin mit wenig Lust ins Dezembertrainingslager gefahren. Hillary, mein neuer Trainingspartner aus Kenia, hat mich vorerst wieder mitgerissen, sein Blitzen in den Augen hat auch mich wieder motiviert.

Zu Weihnachten war der Gedanke "aufzuhören" wieder voll da, ich wollte zu Hause bleiben, Weihnachten genießen. Alles, worauf ich Lust habe, essen dürfen, lange schlafen, Ski fahren und mich nicht zweimal täglich mit Hügelläufen oder Ähnlichem quälen müssen. Ich habe am 23. Dezember ein eher "unwichtiges" Training einfach weggelassen und nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen dabei gehabt. Am 29. Dezember vormittags habe ich eines der härtesten Tempolauftrainings, ein wichtiges, entscheidendes Training, in der Dusika-Halle am Programm gehabt. 4-mal 500 m, 5-mal 400 m, 5-mal 200 m. Ich habe zum ersten Mal in meiner Karriere bei solch einem Training Läufe weggelassen und war zu langsam. Es war mir egal. Ich dachte während des gesamten Trainings, dass ich nicht mehr will; ich konnte mich nicht mehr so quälen, wie es erforderlich wäre, um eine Olympiamedaille zu gewinnen.

Nachmittags rief mich Josef Metzger von der "Presse" an und fragte mich nach meinen Zielen für das Jahr 2004, speziell für die Olympischen Spiele. Ich war total zerrissen. Mir wurde mit dieser Frage klar, dass ich eigentlich nicht an den Erfolg bei den Spielen glaube. Bin abends nach Südafrika geflogen, habe wieder begonnen mit Hillary zu trainieren, habe festgestellt, dass die Motivation, die er hat, bei mir ganz einfach nicht mehr vorhanden ist. Nur 70 Prozent von mir wollen noch laufen. Und das ist eindeutig zu wenig, um hohe Ziele im Olympiajahr zu erreichen.

Ich habe eine wundervolle Karriere hinter mir - sieben Medaillen; einen "Fast"-Hallenweltrekord, auf den ich sehr stolz bin; eine schwere Operation, die gut ausging; habe mich mit all meiner Kraft und Sturheit zurückgekämpft, etwas geschafft, was fast un möglich schien; bin mit einer Silbermedaille belohnt worden, die sehr, sehr viel zählt - die schönste Medaille, um aufzuhören. Der Tumor und die Angst in jener Zeit vor der Operation haben mein Wesen sicher verändert, ich habe mein Leben umgekrempelt, andere Werte als wichtig erkannt, es gibt viele schöne Dinge im Leben, nicht nur den Erfolg im Leistungssport, und ich freue mich auf mein "neues" Leben und auf "neue" Aufgaben. Ich habe viele Ideen und Pläne.

Ich bin auch sicher in einem Alter, vor allem als Frau, in dem man über die Zukunft nachdenkt. Aus diesen Gründen möchte ich meine aktive Karriere beenden und gebe meinen Rücktritt bekannt. Ich möchte mich beim ÖLV und bei allen Institutionen im österreichischen Sport für die wunderschönen Jugendjahre und die Unterstützungen in diesen Jahren bedanken. Ich stehe dem ÖLV gern mit Rat und Tat zur Seite und hoffe, dass wir in anderer Form gemeinsam den begonnenen Aufwärtsweg gehen. Sport ist Lebensschule in komprimierter Form - ich habe sehr davon profitiert und wünsche mir, dass viele Kinder und Jugendliche im Sport so wachsen können, wie ich es durfte. Es gibt noch sehr viel zu tun.

Ich bedanke mich bei meiner Familie, bei meinem Verein LCC Wien, den Sponsoren, Gönnern, Freunden und Journalisten für die Unterstützung und den Glauben an mich.

Liebe Grüße vom (jetzt) Urlaub aus Südafrika. Steffi Graf
(DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 16.1. 2004)

Stephanie Graf mailte aus Kapstadt.
  • "Ich habe am 23. Dezember ein eher unwichtiges Training einfach weggelassen und nicht einmal mehr
ein schlechtes Gewissen dabei gehabt."

    "Ich habe am 23. Dezember ein eher unwichtiges Training einfach weggelassen und nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen dabei gehabt."

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