U-Kommission Lainz: Pflegepatienten beschwerten sich selten

16. Jänner 2004, 15:23
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Nur 26 von 1.641 Prüffällen kamen 2003 aus Lainz

Wien - Pflegekontrolle und das Beschwerdemanagement in den Wiener städtischen Geriatriezentren standen Donnerstag, im Mittelpunkt der gemeinderätlichen Untersuchungskommission zur Causa Lainz. Erste Zeugin war Oberin Judith Polat-Firtinger aus der Abteilung Organisation und Qualitätsmanagement des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV). Sie sprach von einem "sehr gut funktionierendem Qualitätsmanagement" im KAV. Die Missstände im Lainzer Geriatriezentrum wolle sie nicht beschönigen, betonte sie.

Umstrukturierungen

Auffallen müssen hätten diese allerdings der Stationsschwester bzw. der Oberschwester als deren Vorgesetzter. Dass dies nicht geschehen sei, führte Polat-Firtinger auf Umstrukturierungen in Lainz zurück. Im Pavillon I seien zwei Primariate zusammengelegt worden, eine Oberschwester sei in Pension gegangen. Deren Nachfolgerin habe sich erst einarbeiten müssen: "Das muss man ihr zugestehen."

Polat-Firtinger erklärte, dass sie bis zur Umstrukturierung des KAV vor zwei Jahren im Delegationsprinzip auch Kontrollen in den Geriatriezentren durchgeführt habe. Zu diesem Zweck habe sie immer ihren Hund mitgenommen. Dies habe die Kontaktaufnahme zu den Patienten erleichtert, außerdem hätten deren Reaktion auf den tierischen Besucher Rückschlüsse auf den Pflegezustand erlaubt.

Patienten- Ethik

Von den Grünen wurde die Zeugin mit einem Overall konfrontiert, der ohne fremde Hilfe nicht geöffnet werden kann. Polat-Firtinger bestätigte, dass dieser in den Wiener Geriatriezentren eingesetzt werde - allerdings nur auf ärztliche Anordnung und ausschließlich "unter speziellen Indikationen bei Menschen, die dement oder so verwirrt sind, dass sie keine Kleider am Körper dulden würden". Dies geschehe "durchaus im Sinne der Ethik": Patienten müssten vor Unterkühlung, aber auch vor den Blicken anderer geschützt werden.

Nicht eingesetzt werde das Kleidungsstück, um Patienten am Entfernen von Windeln oder Inkontinenzprodukten zu hindern, so Polat-Firtinger zu einer Frage der Grünen Gemeinderätin Sigrid Pilz. Zum Einsatz von freiheitsbeschränkenden Netzbetten sagte die Zeugin, sie wisse nur von einem einzigen solchen Bett in einem Wiener Geriatriezentrum. Dieses werde auf ausdrücklichen Wunsch der Angehörigen und auf ärztliche Anordnung verwendet.

Nur 26 von 1.641 Prüffällen kamen 2003 aus Lainz

Die Wiener Patientenanwaltschaft ist nur äußerst selten mit Beschwerden aus den Pflegeheimen der Bundeshauptstadt konfrontiert. Das sagte Patientenanwalt Walter Dohr vor der gemeinderätlichen Untersuchungskommission zur Causa Lainz. Von 1.641 Prüffällen im Jahr 2003 stammten demnach nur 15 aus privaten und 42 aus städtischen Pflegeeinrichtungen, 26 davon aus Lainz. Dies habe allerdings auch mit der "individuelle Ängstlichkeit" der Patienten zu tun, meinte Dohr.

Auch die Angehörigen beschwerten sich bei Pflegeheimen weniger als etwa in den städtischen Spitälern. Hier müsse man allerdings auch das schlechtes Gewissen, einen älteren Verwandten in einem Heim untergebracht zu haben, berücksichtigt werden, meinte Dohr: "Die geringe Beschwerdezahl sagt nicht aus, dass alles in Ordnung ist." Dass ein "Klima der Angst" herrschen könnte, ließ er auf Frage von FP-Gemeinderat Wilfried Serles aber nicht gelten.

Den insgesamt 57 Prüffällen im Jahr 2003 stehen 35 aus dem Jahr 2002 gegenüber. Dohr brachte dies mit dem Bekanntwerden der Missstände in Lainz in Zusammenhang. Erledigt wurden im Vorjahr 27 Pflegeheim-Fälle, zitierte er weiter aus der Statistik. Als berechtigt anerkannt wurden gar nur sieben. Um echte Pflegemissstände gehe es dabei in "relativ wenigen" Fällen, so der Patientenanwalt.

Serles und ÖVP-Gemeinderätin Ingrid Lakatha warfen Dohr vor, sich in Sachen Lainz öffentlich kaum zu Wort gemeldet zu haben. Dieser ließ das nicht gelten: "Weil wir mehr als genug Arbeit haben, habe ich die Öffentlichkeitsarbeit nicht als vorrangig gesehen", meinte er. Trotz der Einsetzung eines eigenen Pflegeombudsmanns fühle er sich nicht gescheitert, betonte er: "Ich bekomme weiterhin viele Beschwerden und viele Dankschreiben." Nicht ganz unumstritten sei, ob er überhaupt für die Pflegeheime - so sie nicht ohnehin als Sonderkrankenanstalten geführt werden - zuständig sei. Vom neuen Heimgesetz erwarte er sich in dieser Frage eine eindeutige Anerkennung der Kompetenz der Patientenanwaltschaft.

Dohr ist auch Vorsitzender der von Bürgermeister Michael Häupl (S) eingesetzten Pflegeheimkommission. Diese solle Standards für die Pflege formulieren, darunter auch für die Personalführung und Personalentwicklung. Für den Patientenanwalt ist dies einer der entscheidenden Punkte, der bisher "vielleicht ein bisschen vernachlässigt" worden sei: "Wenn das suboptimal läuft, gibt es die Gefahr von Missständen." (APA)

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