Bedenken über die Ernsthaftigkeit der Pläne

15. Jänner 2004, 15:25
11 Postings

Grazer Institut für Weltraumforschung: Angekündigte Mittel "schlicht und ergreifend unrealistisch gering, um die Pläne auch wirklich zu realisieren"

Graz - Bedenken über die Ernsthaftigkeit des von US-Präsident George Bush angekündigten Weltraumprogramms für bemannte Flüge zum Mond und darüber hinaus meldete das Grazer Institut für Weltraumforschung (IWF) der Akademie der Wissenschaften am Donnerstag an. Die angekündigte Aufstockung von einer Milliarde Dollar mehr pro Jahr erscheint sowohl dem Leiter des Institutes, Hans Sünkel, als auch Wolfgang Baumjohann von der Abteilung für experimentelle Weltraumforschung als zu gering, um ernst gemeint zu sein. Das sagten die beiden Experten am Donnerstag.

"Die eine Milliarde und die eventuell zusätzlichen genannten Mittel aus dem NASA-Budget erscheinen mir schlicht und ergreifend unrealistisch gering, um die Pläne auch wirklich zu realisieren", erklärte Wolfgang Baumjohann von der Abteilung für experimentelle Weltraumforschung des IWF. "Mit den angekündigten Geldmitteln ist die Verwirklichung der Pläne sicher nicht zu machen, die Summe wäre wohl um den Faktor zehn zu erhöhen", sagte IWF-Institutsleiter Hans Sünkel. "Die Ankündigung ist sicherlich auch politisch strategisch motiviert, der Realitätsbezug steht zu hinterfragen, aber immerhin hat Bush nach dem Irakkrieg nun auch einmal eine positive Vision entwickelt", meinte Sünkel.

Alternativvisionen für Europa empfohlen

Einer europäische Beteiligung an den angekündigten US-Plänen steht Sünkel skeptisch gegenüber: Wenn eine führende Weltraumnation solche Vorgaben macht, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Mitziehen und tief in die Tasche greifen oder Alternativvisionen entwickeln." Er glaube, dass die europäischen Nationen und die ESA sich "auf die Alternativen besinnen". Eine solche sei z.B. "ein stärkeres Gewicht auf die Verbesserung der Möglichkeiten, unser Erdsystem zu erhalten, zu legen", so Sünkel.

Die Frage der bemannten Weltraumfahrt bringt Wolfgang Baumjohann in eine - wie er sagt - "schizophrene Situation". "Vom menschlichen Standpunkt finde ich es natürlich interessant, dass der Mensch immer neue Horizonte anstrebt. Aus Sicht des Wissenschafters ist die bemannte Weltraumfahrt ein Quatsch, der unendlich viel Geld verschlingt", sagte Baumjohann. "De facto geht mit solchen Unternehmungen die wissenschaftliche Erkenntnis runter, weil die dafür zusätzlich benötigten Geldmittel den normalen Weltraumprogrammen fehlen", so der Abteilungsleiter.

"Wenn das Projekt überhaupt ernsthaft durchgeführt und zielführend sein soll, dann müsste man es auch mit entsprechenden Mitteln ausstatten. Die paar Milliarden, die Bush angekündigt hat, werden in anderen Bereichen wirklich fehlen und für den Mond und Mars ist es zu wenig", sagte Baumjohann, der die Kosten für eine für die nächsten zehn Jahre auf "mindestens 100 Milliarden Dollar" schätzt. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.