Belastendes Material aus New York

20. Jänner 2004, 14:26
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Konten der Ungarn-Tochter gesperrt - Ex-Finanzchef protestiert gegen Festnahme seiner Frau - Schadenauf 11 Milliarden Euro geschätzt

Rom/Wien - Im Parmalat-Skandal untersuchen die Staatsanwälte in Italien derzeit zahlreiche belastende Dokumente, die aus New York eingetroffen sind. In neun großen Paketen hätten die US-Ermittler belastendes Material geschickt, dass im New Yorker Büro des inhaftierten Anwalts Gianpaolo Zini sichergestellt wurde, berichtete das italienische Fernsehen am Donnerstag.

Zini war zu Silvester zusammen mit acht weiteren Ex-Managern des insolventen Milch-Riesen festgenommen worden. Er gilt als der Gründer des dubiosen Anlagefonds Epicurum auf den als Steuerparadies bekannten Cayman Inseln, der mit den Bilanzfälschungen in Zusammenhang gebracht wird.

"Unverschämteste Finanzbetrügerei der Geschichte"

Die US-Wertpapier- und Börsenkommission SEC hatte Ende Dezember Klage gegen den italienischen Konzern eingereicht. Parmalat habe Investoren in den USA dazu veranlasst, Anleihen und andere Wertpapiere im Wert von mehr als 1,5 Mrd. Dollar (1,2 Mrd. Euro) zu kaufen, während er "eine der größten und unverschämtesten unternehmerischen Finanzbetrügereien der Geschichte" durchgeführt habe, hieß es damals. Die amerikanischen Ermittler arbeiten eng mit den italienischen Behörden zusammen.

Unterdessen wurden nun auch die Konten der Parmalat Hungaria, Tochterfirma des in Schwierigkeiten geratenen italienischen Milchkonzerns Parmalat, bis auf weiteres gesperrt. Derzeit verhandle die Geschäftsleitung der ungarischen Parmalat, die seit November ihre Zulieferer nicht mehr bezahle, mit dem Mutterkonzern in Italien über die Zukunft der Fabrik. Die ungarischen Parmalat-Fabriken stehen schon seit einiger Zeit zur Diskussion, nicht zuletzt, weil die Schulden 720 Mio. Forint (2,6 Mio. Euro) erreichten.

Raiffeisen an Osttöchtern interessiert

An einer Übernahme von Parmalat-Osttöchtern - namentlich insbesondere von Parmalat Hungaria - hat die Raiffeisen Holding Niederösterreich-Wien erst jüngst Interesse gezeigt. Die Raiffeisen Holding hält die Mehrheit an der niederösterreichischen Großmolkerei NÖM. An der NÖM besitzt der Parmalat-Konzern die Sperrminorität von 25 Prozent und einer Aktie.

Der Ex-Finanzchef des insolventen italienischen Nahrungsmittelkonzerns Parmalat, Fausto Tonna, hat verärgert auf die Festnahme seiner Frau Donatella Alinovi reagiert, die am Mittwoch wegen des Verdachts der Geldwäsche unter Hausarrest gestellt worden ist. Der seit über zwei Wochen inhaftierte Tonna, der als Drahtzieher im Skandal um die Insolvenz des Milchmultis gilt, drohte, er werde seine Zusammenarbeit mit den Ermittlern zur Klärung der Parmalat-Affäre beenden, sollte seine Frau nicht freigelassen werden.

Die 45-jährige Alinovi wird beschuldigt, nach der Festnahme ihres Mannes von Konten der Parmalat-Gruppe 1 Mio. Euro abgehoben zu haben. Das Geld sei in Form von Bankschecks in zwei Safes in der Sparkasse von Parma und Piacenza sichergestellt worden.

Bondi hat Geld aufgetrieben

Parmalats Insolvenzkommissar, Enrico Bondi, setzt inzwischen seine Arbeit zur Rettung des konkursbedrohten Konzerns fort. Bondis Manager konnten auf Konten einiger italienischer und ausländischer Banken zirka 10 Mio. Euro auftreiben. Das Geld soll Bondi zur Sanierung des Unternehmens zur Verfügung gestellt werden.

Der italienische Finanzminister Giulio Tremonti schätzt den durch den Parmalat-Skandal verursachten Schaden für die italienische Volkswirtschaft auf rund 11 Mrd. Euro. Der Minister wolle am Donnerstag im Parlament ein Dossier über den Parmalat-Fall präsentieren.

Insolvenzkommissar Enrico Bondi rückt zudem zum neuen Präsidenten des italienischen Fußball-Erstligisten AC Parma auf. Bondi übernimmt damit den Posten von Stefano Tanzi, der unter dem Druck der Ermittlungen gegen seinen Vater, den Parmalat-Firmengründer Calisto Tanzi, zurückgetreten war. (APA)

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    Im Parmalat-Skandal hat es Insolvenzkommissar Enrico Bondi nun auch zum Präsidenten des italienischen Fußball-Erstligisten AC Parma gebracht

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