von Cosima Reif
Feng Shuild & Sühne

22. Jänner 2004, 12:13
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Feng Shuild & Sühne. Horoskope, Yoga, Tarot und Co sind vernünftige Erfindungen. Man kommt ins Gespräch und manchmal auch ins Bett. Aber höchste Warnung vor dem schwarzen Schaf in der Esoterik-Szene: Feng Shui, die esoterische Wohnungstherapie. Gehen Sie lieber klassisch zum Analytiker, wenn Sie keinen Erfolg und keinen Sex haben und sich dafür bestrafen wollen. Der gräbt nach Feng Shuildgefühlen und verhackt die Kindheit zu Elementarteilchen. Wesentlich besser, als den Selbsthass auf die eigenen vier Wände zu übertragen. Wände, die sich nicht wehren können!

Wohnungen sind von Haus aus mangelhaft. Zum Glück. Würde man sonst ausgehen? Ich kenne Wohnungen, da wechselt man jahreszeitlich den Innenarchitekten - dann wird's zuhaus ungemütlich und man darf dorthin, wo man sich am wohlsten fühlt, nämlich ins nächste Beisel. Architekten haben die verantwortungsvolle Aufgabe, jede Wohnung mit Ärgernissen auszustatten, und die meisten werden diesem Auftrag im Großen und Ganzen auch gerecht. Wären Wohnungen auch perfekt, würde keiner in Bars oder Kaffeehäusern herumhängen.

Niemand könnte mehr sexy Singles und nette Fremdgeher in Bars kennen lernen. Einzig noch in Feng Shui Kursen könnte man anbandeln. Dort jedoch herrschen darwinistische Prinzipien. Potenzielle LiebhaberInnen werden nicht nach Genuss einiger Achterln demokratisch erwählt, sondern nüchtern und einzig nach der Überlegung, ob sie eventuell den Energiefluss der Wohnung blockieren, so man sie mit nach Hause nähme. Leute, die einen Hauch länger sind als breit, fallen in die Feng Shuiblade. "Energie fließt nach oben ins Sinnlose ab" und bleiben sitzen. Bis zur Meisterklasse könnten sie die Fang Shuibank drücken und sich durchelementieren lassen, fruchtlos. Jede Sexyness fließt ins Sinnlose ab.

Dicke Leute ohne Hals mit Holzbein wären die großen Kater. In Kombi mit metallischen Kieferimplantaten würden schon auf dem Heimweg Orgasmen ausgelöst. Man fragt sich bloß, wer sich die Bauernfengshuierei eigentlich ausgedacht hat. Anonyme Alkoholiker, die den Wirten das Feuerwasser abgraben wollen? Indem sie Leute im besten Ausgeh-Alter dazu bringen, sich nächtelang mit ihrem Innendekortionsleben zu beschäftigen? Verdient eigentlich jemand an Feng Shui? Steckt hinter all dem doch ein feiner materialistischer Sinn? Eine sexy Profitgier?

Zum Glück doch. Neue Möbel braucht man und das eine oder anderer Buch, oder sagen wir Bibel. Kurse kosten, und Exkursionen in das Heimatland des Fang Shui steigern den Kerosinabsatz. Beruhigend. Der Feng Shuildenberg wächst. Esoterik ist so schlecht nicht. Sie ist nichts weniger als eine strahlende Tochter der Vernunft. Wenn auch die Energie ins Sinnlose abfließt - wenigsten fließt Geld. Bloß wieder mal in die falschen Taschen.
Ihre Cosima Reif, Zufallssexkolumnistin
(DER STANDARD/rondo/16/01/2004)

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