Fängst du dir verwirrte oder angewiderte Blicke ein

15. Jänner 2004, 07:00
posten

Bis 1992 galt Homosexualität in Tschechien noch als Krankheit, Teresa Kodickova von der "Gay and Lesbian League" setzt sich trotz Widerstände für die eingetragene Partnerschaft ein

dieStandard.at Wie ist die Atmosphäre in Tschechien gegenüber homosexuellen Menschen?

Teresa Kodickova Die Mehrheit der Menschen lebt glücklich in seinen heterosexuellen Stereotypen der glücklichen Familie und meint, dass Schwule und Lesben Perverse sind, die nur ihren schmutzigen Sexspielchen nachgehen wollen. Sie meinen, Lesben sind lauter hässliche Frauen und Schwule Friseure.

dieStandard.at Wie kommt das?

Teresa Kodickova Teilweise dadurch, weil sie glauben, dass sie noch in Kontakt mit ihnen waren. Vor 1992 galt Homosexualität noch als Krankheit. So wurde niemand quasi gezwungen, diese Menschen als normal anzusehen.

Ein anderer Punkt ist, dass Lesben und Schwule sehr im Hintergrund und im Privaten bleiben. Das unterstützt die Wahrnehmung, dass sie vielleicht wirklich pervers seien.

dieStandard.at Ist die Atmosphäre auch agressiv?

Teresa Kodickova Du wirst nicht zusammengeschlagen, das nicht. Aber wenn du Hand in Hand durch die Stadt spazierst, fängst du dir verwirrte oder angewiderte Blicke ein. Wenn Politiker wie die Christdemokraten meinen, dass sie Lesben einfach nicht mögen, weil sie nicht normal sind, wird das als ganz ok angesehen.

dieStandard.at Wie organisiert sich dann die "Gay and Lesbian League"?

Teresa Kodickova Wir bekommen natürlich überhaupt keine finanzielle Unterstützung. Im übrigen gibt es ganz wenige Organisationen in Tschechien. Selbst die "Gay and Lesbian League", die sich für die Legalisierung der eingetragenen Partnerschaft einsetzt, ist komplett informell.

dieStandard.at Wäre es leichter, etwas zu erreichen, wenn ihr klare Strukturen hättet?

Teresa Kodickova Der Punkt ist, dass es Menschen hier hassen, organisiert zu werden, vor allem Frauen. Der einzige Weg ist, informell zu bleiben.

dieStandard.at Und wieso?

Teresa Kodickova Zuallererst sind die Tschechen und Tschechinnen sehr organisationsfeindlich. Das kollektive Gedächnis verbindet so etwas immer mit dem Kommunismus, und mit dem wollen sie nichts zu tun haben.

Zweitens sitzen die Leute lieber in einem Lokal und jammern, als dass sie etwas machen. Frauen haben dazu noch ein Problem mit dem öffentlichen Raum. Und: Frauen meinen, dass es etwas Schlechtes ist, wenn man sich Macht aneignet.

So funktioniert das bei Frauenorganisationen und bei Lesben ist das noch schwieriger, weil die auch noch eine sexuelle Minderheit sind.

dieStandard.at Wie wirkt sich das auf Eure Durchsetzungskraft aus?

Teresa Kodickova Natürlich müssen wir immer mit unserem Legitimationsproblem kämpfen. Aber Frauen in Tschechien wollen sich nicht organisieren. Sie ziehen es lieber vor, der "Hals des Kopfes, der alles lenkt", zu sein. Die Frage ist halt, ob das wirklich so ist oder ob sie einfach nur Angst haben, ihre "sichere" Position des "doofen Fräuleins" aufzugeben.

dieStandard.at Hoffnung auf Änderung in der Zukunft?

Teresa Kodickova Ja, das ist schon auch ein Generationenproblem. Die meisten Frauen haben den Großteil ihres Lebens in einer Gesellschaft der limitierten Möglichkeiten verbracht. Jetzt alles neu zu machen, würde ihre Vergangenheit, ihr Leben und ihre Identität in Frage stellen. Da ist es schon auch verständlich, dass sie sich dagegen wehren. Ich glaube, junge Frauen sehen das anders.

(e_mu)

  • Teresa Kodickova, Übersetzerin mit Gender Studies ist Pressesprecherin der tschechischen "Gay and Lesbian League", setzt sich für die eingetragene Partnerschaft in Tschechien ein.
    murlasits
    Teresa Kodickova, Übersetzerin mit Gender Studies ist Pressesprecherin der tschechischen "Gay and Lesbian League", setzt sich für die eingetragene Partnerschaft in Tschechien ein.
Share if you care.