Wohltun rechnet sich

28. Jänner 2004, 18:48
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Man kann es niemandem wünschen, auf die Wohltaten aus Erträgen solcher Fonds angewiesen zu sein - von Samo Kobenter

Die schönsten, weil wahrsten Geschichten passieren dort, wo ihre moralische Beschichtung so dünn wird, das darunter das gemeine Interesse ihrer Protagonisten sichtbar wird. In der Literatur des 19. Jahrhunderts lässt unter anderem Charles Dickens in seinen Werken eine ganze Prozession von Typen antreten, deren Geschäftsgrundlage das Elend der anderen ist und deren moralischer Lustgewinn sich auf das Angenehmste mit dem pekuniären verbindet, den ihre Philanthropie sozusagen nebenher abwirft. Anders gesprochen: Wohltun trägt Zinsen.

Bei Karl-Heinz Grassers Vorstellung seines Sozialfonds, Stichwort leuchtende Kinderaugen, fühlte man ein wenig von dem Geist dieser vergangenen Zeit herüberwehen. Natürlich geglätteter, weniger rau, zivilisierter und geschmeidiger sozusagen. Doch der Ansatz Grassers, seine privaten Steuersorgen in einen Sozialfonds auszulagern, dessen Errichtung unter beträchtlichem Ächzen und Stöhnen nun doch noch zustande gekommen ist, hat etwas an Dickens beste Schriften Erinnerndes.

Da sind einmal 50 Spender, die durchschnittlich weniger als 1000 Euro pro Kopf springen ließen, um auf die notwendige Dotation von 40.000 Euro zu kommen. Dazu gesellt sich die Diskretion, mit der die Spendernamen verschwiegen werden - selbstverständlich aus schamhafter Bescheidenheit und nicht etwa, weil eine Offenlegung lästigerweise zu weiteren steuertechnischen Fragen führen könnte. Dann der sehr allgemein gehaltene Zweck des Fonds - armen Kindern soll halt geholfen werden, irgendwie, wegen Augenleuchten und so. Das passt alles sehr schön zusammen. Das passt so gut, dass man niemandem wünscht, auf die Wohltaten aus Erträgen solcher Fonds angewiesen zu sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2004)

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