Das Ende eines Experiments

14. Jänner 2004, 19:42
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Abruptes Finale einer kurzen Ära: Hans Gratzer verlässt das Theater in der Josefstadt - Ihm folgt Exdirektor Helmuth Lohner nach

Aufatmen im krisengeschüttelten Theater in der Josefstadt: Hans Gratzer tritt - nicht ganz freiwillig - mit Ende der Saison zurück, ihm folgt für zwei, drei Jahre interimistisch wie ehrenamtlich Exdirektor Helmuth Lohner. Der Publikumsliebling wird wieder spielen.

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Wien - Jeder Schritt war beobachtet, die sinkenden Auslastungszahlen waren mit Akribie verfolgt worden. Aber Hans Gratzer als Direktor der Josefstadt vor der Zeit loszuwerden erwies sich schwieriges Unterfangen. Doch dann unterschrieb der Prinzipal, dessen erste Saison im Herbst mit einem Fiasko begann, einen Vertrag als Leiter der sommerlichen Festspiele in Bad Hersfeld von 2006 bis 2008.

Nun bot sich plötzlich die Gelegenheit: Der Aufsichtsrat und die Gesellschafter des Privattheaters erkannten am Dienstag eine Unvereinbarkeit der beiden Aufgaben. Hans Gratzer musste daher die Geschäftsführung "mit sofortiger Wirkung" zurücklegen.

Eine Lösung für die Zukunft war äußerst rasch gefunden: Helmuth Lohner erklärte sich bereit, die Josefstadt interimistisch wie ehrenamtlich zu leiten. Noch am Abend wurden die Subventionsgeber, Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) und Kunststaatssekretär Franz Morak, über die Entscheidung informiert. Sie nahmen den Rückzug von Hans Gratzer "mit Bedauern zur Kenntnis", wie es in einer gemeinsam veröffentlichten Presseerklärung heißt, und "begrüßten" die Bereitschaft Lohners, als Deus ex Machina aufzutreten.

In der Aussendung der Josefstadt liest sich der Putsch eher harmlos: Gratzer ziehe sich "schrittweise" aus der Direktion zurück, er werde sich bis zum Sommer "auf die künstlerische Leitung konzentrieren" und in den kommenden zwei Saisonen (sein Vertrag läuft bis 2006) für zumindest drei Regiearbeiten zur Verfügung zu stehen. Er hätte, wird Gratzer zitiert, "nicht den erhofften und aus meiner Sicht unerlässlichen Rückhalt erhalten". Zudem sei er "sehr glücklich, dass eine Lösung gefunden wurde, die der Josefstadt eine geordnete Übergabe sichert und gleichzeitig die von mir angestrebten Synergien mit den Festspielen Bad Hersfeld" ermögliche.

Gegenüber dem STANDARD wollte Gratzer die Ereignisse nicht kommentieren. Sein Vertrag wurde "einvernehmlich" gelöst, was bedeutet, dass er nicht abgefunden werden wird. Gerüchteweise soll Gratzer aber überlegen, gegen die "Lösung", die faktisch einer "Fristlosen" nahe kommt, gerichtlich vorzugehen.

Einnahmeverluste

Der Regisseur war angetreten, österreichische Bühnenliteratur im Kosten sparenden "Einheitsbühnenbild" präsentieren zu wollen, was bereits während der Vorbereitungszeit für Irritationen sorgte. Aufgrund der mit vernichtenden Kritiken bedachten Produktionen blieben die Besucher aus (wenn es auch zu keinem Abokündigungen kam): Die Auslastung sank von über 80 Prozent auf deren vielleicht 55. Die Folge sind erhebliche Einnahmeverluste: Laut einer Josefstadt-internen Hochrechnung dürfte bis Saisonende ein Abgang von 1,5 Millionen Euro eingefahren werden. Es sei daher dringend notwendig gewesen zu reagieren.

Lohner übernimmt die Leitung offiziell ab Herbst und völlig formlos: Er werde zwei, drei Jahre zur Verfügung stehen, jedenfalls so lange, bis eine dauerhafte "Lösung" gefunden ist. In der Josefstadt verhehlt man nicht, eine hausinterne anzustreben. Als aussichtsreichster Kandidat gilt der Schauspieler Herbert Föttinger. Wie alle anderen Publikumslieblinge, drunter Otto Schenk, Fritz Muliar und Elfriede Ott, wird natürlich auch Lohner wieder auftreten.

Ende der Emigration

Eher als gedacht kehrt er damit aus der "inneren Emigration" zurück: Ende März 2002 gab Helmuth Lohner bekannt, dass er mit Auslaufen seines Vertrages als Direktor (er leitete die Josefstadt seit 1997) im Sommer 2003 auch von der Bühne abzutreten gedenke. Schließlich habe er lange genug Theater gespielt - bis zur Selbstaufgabe: In der Saison 2000/2001 war er 217-mal auf den Brettern gestanden.

Diesen Schlussstrich hatte er aus Verbitterung über die Kulturpolitik von Mailath-Pokorny und Morak gezogen: Lohner konnte nicht verstehen, warum sie partout Karlheinz Hackl als Nachfolger verhinderten: "Da gibt es wohl so eine gewaltige Selbstherrlichkeit, dass sie glauben, sie brauchen nichts zu begründen, sie entscheiden einfach", sagte er damals zum STANDARD.

Und sie entschieden über die Jury hinweg, die sich in einer ersten Runde für Hermann Beil ausgesprochen hatte (doch der Dramaturg sagte ab): Hans Gratzer wurde über den kulturpolitischen Pakt, ihn zum Theaterdirektor zu ernennen, informiert, bevor noch die Jury getagt hatte. Was Lohner, der für Hackl plädierte, mit den Worten kommentierte: "Es schaut besser aus, eine Jury einzusetzen. Das sind immer diese pseudodemokratischen Aktionen."

Gratzer, der in den 80er-und 90er-Jahren im Schauspielhaus vornehmlich zeitgenössische Stücke zur Uraufführung gebracht hatte, war aufgrund eines kulturpolitischen Justament-Gestaltungswillens ohne Rücksicht auf die Struktur der Josefstadt als bürgerliches Bildungstheater installiert worden. Seinen Abgang kommentiert daher Heidemarie Unterreiner, Kultursprecherin der Wiener Freiheitlichen, mit Erleichterung: "Die Entscheidung für Gratzer war ein politischer Fehler und entsprach nicht dem Wunsch des Hauses."

Das Ende mit Schrecken verwundert daher nicht wirklich, auch nicht Marie Ringler, die Kultursprecherin der Grünen: "Die intransparente und mauschlerische Ausschreibungspolitik von Mailath und Morak hat damit ihre Rechnung präsentiert bekommen. Die Ausgangslage und Akzeptanz für Gratzer war durch die chaotische Ausschreibung denkbar schlecht. So konnte Gratzer seine Intendanz gar nicht zu einem Erfolg führen."

Warten auf Gespräche

Die Frage lautet nun, ob sich die Kulturpolitiker erneut einzumischen gedenken: erneut eine Ausschreibung? Oder eine Direktbestellung? Durch die Gesellschafter der Josefstadt oder die Subventionsgeber? Aber weder Mailath noch Morak wollen sich äußern: Man verweist lediglich auf Gespräche, die in den nächsten Wochen stattfinden würden.

Ausbaden darf das aufgezwungene und gescheiterte Experiment jedenfalls das Privattheater selbst. Denn eine Nachbedeckung des in dieser Saison eingefahrenen Defizits ist eher auszuschließen: Mailath wie Morak verweisen lediglich auf den Kontrakt mit der Josefstadt, den sie ohnedies erfüllen. Auf Alexander Götz, den kaufmännischen Direktor, warten weiter keine ruhigen Zeiten. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2004)

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    Ende März 2003 nahm Helmuth Lohner Abschied von der Bühne (ihm wurde die Ehrenmitgliedschaft der Josefstadt verliehen) - nun kehrt er wieder: als Direktor und Schauspieler.

  • Zuerst eine Bestellungsgroteske, dann ein irritierendes Konzept mit "Einheitsbühnenbild" und schließlich ein katastrophaler Saisonauftakt: Hans Gratzer, der Pechvogel.
    foto: standard/matthias cremer

    Zuerst eine Bestellungsgroteske, dann ein irritierendes Konzept mit "Einheitsbühnenbild" und schließlich ein katastrophaler Saisonauftakt: Hans Gratzer, der Pechvogel.

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