Requiem für "Radio Free Europe"

25. Jänner 2004, 17:39
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Fast ohne Aufsehen wurde Anfang dieses Jahres eines der aufregendsten und erfolgreichsten Experimente im weltweiten Medienkrieg abgeschlossen - Kolumne von Paul Lendvai

Ohne Paukenschlag und fast ohne Aufsehen wurde Anfang dieses Jahres eines der aufregendsten und wohl erfolgreichsten Experimente im weltweiten Medienkrieg abgeschlossen. Der vom amerikanischen Kongress finanzierte, 1950 gegründete Münchner Sender "Radio Free Europe" (RFE) hat per 1. 1. 2004 seine Sendungen für die Slowakei, Kroatien, Rumänien und Bulgarien sowie für Estland, Lettland und Litauen eingestellt.

Rund 120 Journalisten wurden gekündigt und die RFE-Büros in den Hauptstädten der genannten Länder geschlossen. Die ungarischen, polnischen und tschechischen Sendebetriebe hat man schon ab 1993 stufenweise abgeschafft. Die Sprecherin des nach dem Zusammenbruch von München nach Prag verlegten Senders teilte mit, die durch die Umstrukturierung ersparten fünf Millionen Euro würden für die Finanzierung neuer Programme für den Mittleren Osten verwendet.

Bereits jetzt betreiben die Amerikaner in Bagdad und Basra einen Sender unter dem Namen Radio Free Iraq, der 17 Stunden am Tag über Kurz- und Mittelwelle und auf UKW angeblich von zehn Prozent der Bevölkerung gehört wird.

"Miteinander"

Ein anderer Radiosender, ebenso von der amerikanischen Regierung finanziert, produziert in Dubai und Washington unter dem Namen "Miteinander" amerikanische und arabische Popmusik, unterbrochen nur von Nachrichten. Schließlich will man mit großem Aufwand und einem Stab von über 200 Arabisch sprechenden Redakteuren und amerikanischen Fachleuten durch einen von Virginia aus gesteuerten Satellitensender einen groß angelegten medialen Angriff gegen die populären und der antiamerikanischen Hetze beschuldigten arabischen Fernsehstationen Al-Jazeera und Al-Arabiya starten.

Nach Presseberichten stehen dem Sender, der ab Februar rund um die Uhr Programme ausstrahlen soll, 80 Millionen Euro zur Verfügung. Ob man mit einem solchen medialen Gegenangriff, der teilweise auf das in Osteuropa verwendete Konzept zurückgreift, die Herzen des auf 170 Millionen geschätzten arabischen Publikums gewinnen kann, muss freilich dahingestellt bleiben.

Lebensader der Information

Der 1976 mit "Radio Liberty" zu einer Einheit, RFE/RL, zusammengeschlossene Sender war eine Lebensader der Information. Man strahlte ein Vollprogramm täglich in 22 Sprachen rund um die Uhr für den Sowjetblock aus. Welch enorme Bedeutung das hatte, zeigten Umfragen, wonach vier von fünf Tschechen und Slowaken, drei von vier Ungarn, Rumänen und Polen, und einer von zwei Bulgaren westliches Radio, vor allem RFE hörten.

Seit eh und je hatte man im Westen über diese angeblichen "Relikte des Kalten Krieges" gestritten. Die östlichen Geheimdienste haben Agenten eingeschleust, abgesprungene Journalisten wie den Bulgaren Georgi Markov durch die vergiftete Spitze eines Regenschirmes ermordet und Bombenanschläge in der Münchner Zentrale organisiert. Die Turbulenzen jener Jahre, auch die oft nur der politischen Naivität entsprungenen Angriffe der Linken, ebenso wie die geschickte Wühlarbeit des KGB hat der Verfasser oft hautnah erlebt. Wirkliche oder vermutete Kontakte mit dem RFE dienten stets zur Diskreditierung westlicher Ostkorrespondenten.

Synonym für die Freiheit des Wortes

Nun sendet RFE noch für einige Balkanländer, die Ukraine und nach Russland. Doch seine große Zeit ist vorbei. Die amerikanischen Geldgeber legen das Hauptgewicht auf den Nahen Osten, Afghanistan und Irak.

RFE/RL galt fast allen Osteuropäern als Synonym für die Freiheit des Wortes. Ein solches Rezept kann man aber kaum mit Erfolg in absehbarer Zeit für die Gewinnung der antiamerikanischen Massen in der arabischen Welt anwenden. (DER STANDARD; Printausgabe, 15.1.2004)

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