Bulgariens großer Traum von Amerika

15. Jänner 2004, 15:52
posten

Verhandlung über US-Basen – Außenminister Passy übernimmt OSZE-Vorsitz in Wien

Sofia/Wien – Den früheren Nato-Generalsekretär Manfred Wörner fuhr er 1991 im eigenen Trabant in Sofia spazieren, Wörners Nachfolger an der Spitze der Nordatlantischen Allianz, Javier Solana und George Robertson, entkamen ebenso wenig den Gunstbezeugungen des Solomon Passy, der seine Politkarriere als Gründer eines "Atlantik- Klubs" in Sofia gleich nach dem Sturz des Kommunismus begann und seit 2001 Bulgariens Außenminister ist.

Passy, der heute, Donnerstag, in Wien offiziell den diesjährigen Ratsvorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) übernimmt und dabei Bulgariens Programm vorlegt, gilt im "neuen Europa" als einer der hartnäckigsten Verfechter einer engen Anbindung an die USA. Von den "euroatlantischen Werten", spricht der 47- jährige Mathematiker. "Wir wollen zu unserer natürlichen Familie gehören", erklärte er in Sofia dem Standard gegenüber.

Noch vor Ende dieses Monats wird in der Hauptstadt eine US-Delegation erwartet, die konkret über die Einrichtung amerikanischer Militärbasen im Land verhandeln soll. Im Sommer werde Bulgarien bereits einen US-Stützpunkt haben, versicherte Verteidigungsminister Nikolai Swiranow. Während des Irakkriegs hatten US-Piloten bereits die Luftwaffenbasis Sarafowo am Schwarzen Meer zum Auftanken benutzt. Angebote zum Aufbau kleiner, flexibler Militärbasen erhielt Washington vergangene Woche auch erneut aus dem benachbarten Rumänien. Ebenso wie Bulgarien wird Rumänien beim Istanbuler Nato-Gipfel im Juni offiziell in die Allianz aufgenommen.

Nato-Diplomaten in Brüssel geben dabei zu, dass nicht etwa das militärische Potenzial der beiden südosteuropäischen Staaten für die Aufnahme wichtig war, sondern strategische Erwägungen Washingtons: die Verlagerung von US-Militärmaterial aus dem zu unbotmäßig gewordenen Deutschland nach Osten und näher an Einsatzorte in Zentralasien und am Golf sowie die politische Stabilisierung des Balkan durch die bloße Präsenz von US-Truppen.

Eine "Straße mit zwei Fahrbahnen" nennt das Solomon Passy, bei der Bulgarien der Allianz Truppen zu Verfügung stelle, aber gleichzeitig den politischen Nutzen der Mitgliedschaft habe. Der Anschlag im irakischen Kerbala, wo Bulgarien auf Bitten Washingtons ein Truppenkontingent stationierte und Ende Dezember fünf bulgarische Soldaten starben und mehr als 60 verletzt wurden, hat den kleinen Balkanstaat allerdings aus seinem Amerika-Traum gerissen. Bei einem Tagessold von 60 Dollar – so viel, wie sie zu Hause in einem Monat verdienen – hatten die bulgarischen Soldaten auf große Ersparnisse gehofft. Tatsächlich soll ihr Camp unzureichend abgesichert und die Koordination mit dem polnischen Kommando zu chaotisch gewesen sein.

Trotz 4,8 Prozent Wirtschaftswachstum schmälern Armut und organisierte Kriminalität Bulgariens Westambitionen. Lokalen Medienberichten zufolge will die US- Bundespolizei FBI bald ein "Zentrum zur Terrorbekämpfung" in Sofia errichten, das sich vor allem mit dem Problem der Geldfälschung auf dem Balkan beschäftigen soll. Passy will das nicht kommentieren. Dies sei eben eine innenpolitische Angelegenheit. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2004)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Für enge US-Anbindung: Bulgariens Außenminister Solomon Passy.

Share if you care.